ChristlicherDigest

Leben wie Gott in Burgund

von Ulla Wiegand

Gewiss – das bekannte Sprichwort lautet: „Leben wie Gott in Frankreich“, doch zu Burgund passt es besonders gut. Hier werden alle Sinne verwöhnt. Vergnügt wandern Füße und Augen durch die lieblich grüne Landschaft mit ihren Flüssen und Seen. Schon in der Jungsteinzeit fühlten sich Menschen in dieser lebensfreundlichen Region wohl.

Die römischen Eroberer sowieso und brachten gleich die Kenntnisse für den Weinanbau mit. Beim Anblick der Rebstöcke an den Hängen lacht Genießern das Herz. Chablis, Chardonnay und Pinot gedeihen dort prächtig. Doch es muss nicht ein teurer Grand prix sein, um eine Mahlzeit passend zu begleiten.
Die Franzosen legen Wert auf gutes Essen und greifen dafür auch mal tiefer in die Tasche. Es sind nicht nur die Reichen, die sich ein Menü bei einem Sternekoch gönnen. Beispielsweise bei Jean-Michel Lorain in seinem von der Familie geführten Relais & Châteaux-Hotel „Côte Saint-Jacques“ im Städtchen Joigny im Nordwesten Burgunds. Der steht noch selbst in der Küche und rührt eine seiner fein abgestimmten Soßen an. (www.cotesainjacques.com)
Schon am Donnerstagabend füllt sich der Speisesaal. Auch Familien mit Kindern sitzen an den fein gedeckten Tischen. Wenn’s dunkel wird, grüßen von der Terrasse hoch über der Yonne farblich changierende Drahtfische ihre Artgenossen drunten im Wasser. Am gegenüberliegenden Flussufer warten Hausboote auf Freizeitkapitäne, die gerne einige Tage führerscheinfrei über Kanäle und Flüsse schippern ((http://www.locaboat.com/de/).

Wer über die Nikolausbrücke Richtung Marina geht, hat den besten Blick über die Yonne auf Altstadt. Während ein junges Pärchen lieber aufs Smartphone schaut, macht sich Besucherin auf den Weg. Joigny mit seinen knapp 10.000 Einwohnern gehört zu den „Villes et Pays d’Art et d’Histoire“, den Städten und Landschaften mit Kunst und Geschichte.

Es ist 18 Uhr und dort schon sehr still. Kaum jemand geht durch die engen Gassen, nur Katzen huschen umher. In der spätgotischen Kirche Saint-Thibault (St. Theodorkirche) lächelt eine schöne Madonna aus dem 14. Jahrhundert. Plötzlich Schlüsselklappern. Ein weißhaariger Herr kommt, um das Gotteshaus abzuschließen.

Wieder draußen fällt sogleich ein Fachwerkhaus mit Schnitzwerk und farbigen Kacheln auf, genannt das Pilori (Pranger-) Haus. Weitere alte Holzhäuser, erbaut nach dem großen Stadtbrand von 1530, säumen die Sträßchen und sind – obwohl oft krumm und schief – zumeist bewohnt. In einem urigen Eckhaus ist das Musée de Résistance untergebracht, das Museum des Widerstands im 2. Weltkrieg. An manch anderen Häusern hängt jedoch das Schild „à vendre“ (zu verkaufen).
Vermutlich können sich die Eigentümer die teure Sanierung nicht leisten. Ein fein restauriertes weiß-rotes Haus, dekoriert mit dem geschnitzten Stammbaum von Jesse, hat aber schon – wie das Schild „vendu“ (verkauft) kundtut – einen neuen Besitzer gefunden. Geplant sind, so die Stadtführerin, öffentliche Zuschüsse für die Restaurierung der alten Holzhäuser geben, um dieses kulturelle Erbe zu bewahren.

Auch eines von ehemals sieben Stadttoren – das Johannistor (Porte Saint-Jean) aus dem 11. Jahrhundert – hat die Zeiten überdauert. Durch den Torbogen ist das fein gegliederte Maison de Bailli zu sehen, in anderer Richtung die eintürmige Renaissance-Kirche Saint-Jean (Johanniskirche), geplant von Jean Chéreau.
Innen verblüfft vor allem die ungewöhnliche steinerne Kassettendecke. Gegenüber erzählt das Schloss Condi von früherer Bedeutsamkeit. Nur der Blick von einem Aussichtspunktplatz über Rebstöcke und grünes Land auf die Yonne kann diese Eindrücke auf andere Art toppen. Das Weinanbaugebiet von Joigny ist auf 100 Hektar begrenzt, nur 37 Hektar werden bisher genutzt. In Burgund geht es nicht um Quantität, sondern um Qualität!

Darum geht es in jeder Hinsicht auch in Sens, einer Stadt mit rd. 25.000 Einwohnern, rd. 36 km nordwestlich. Die dortige Cathédrale Saint-Éienne (Stefansdom) von 1130 gilt als erste gotische Kathedrale Frankreichs und hätte, so heißt es, denen in Chartres, Bourges und Amiens als Modell gedient. Jedenfalls ist das 122 Meter lange Gotteshaus mit dem 24,4 Meter hohen Mittelschiff das Highlight der Stadt. Impulsgeber des Baus war Bischof Heinrich von Sens (Henri Sanglier).

Bei der Führung durch die Kathedrale widmet der Kunstexperte Bernard Brousse den farbreichen Bleiglasfenstern besondere Aufmerksamkeit. Eines, Anfang des 13. Jahrhunderts von einem unbekannten Künstler geschaffen, schildert das Leben von Thomas Becket, der Sens zweimal – 1164 und 1170 – besuchte und nach Exiljahren in Frankreich als Erzbischof von Canterbury vor dem Altar ermordet wurde. Noch intensiver leuchtet ein Fenster von 1200 – 1210, das die Parabel vom guten Samariter interpretiert.

Danach geht’s eine Treppe hinab, um die alten Römer zu besuchen. Mauerreste von Häusern und Bädern sind zu erkennen. Mosaikfußböden künden von einstiger Wohnkultur. Vor wenigen Jahren stieß man bei Baumaßnahmen auf diese 2000jährige Unterstadt, auf deren Fundamenten die Kirche errichtet wurde. Draußen auf dem Platz der Republik, zwischen dem spätgotischen Westwerk der Kathedrale und der Markthalle von 1883, überbrücken die Kaffee- und Weintrinker/innen weitere Jahrhunderte und können sich anschließend im Moulin à Tan Park die Beine vertreten.

Mit dem italienisch inspirierten Renaissanceschloss Ancy-le-Franc, gelegen in südöstlicher Richtung, besitzt Burgund die einzige Vierflügelanlage Frankreichs. (www.chateau-ancy.com) Der Schlosspark ist ideal für die Kleinen, die Großen bewundern derweil den harmonischen Bau, konzipiert von Sebastiano Serlio, einem italienischen Stararchitekten jener Zeit. Drinnen sind wertvolle Kunstschätze aus 500 Jahren Geschichte zu sehen, darunter eine 32 m lange ockerfarbene Wandmalerei. „Auch die ist ein Rekord“, weiß Schlossführerin Christina.

Der Liebe wegen ist die gebürtige Dänin nach Burgund gezogen und zeigt besonders gerne das aparte Blumenzimmer für das Hochzeitspaar Anne-Marie Vignier und François de Clermont-Tonnerre. „Sie war 17 und schon verwitwet, er 21, und es war eine große Liebe“, lächelt Christina. Ob die beiden die getrennten Betten auch mal zusammengerückt haben?

Solch ein Möbelrücken wäre in der Abbaye de Reigny nahe Vermenton, unserer nächsten außergewöhnlichen Bleibe, kaum möglich. Die Eigentümer – Louis-Marie & Béatrice Mauvais – haben die Zimmer in der ehemaligen, 1134 durch Abt Etienne de Toucy gegründeten Zisterzienserabtei, mit gediegenen, älteren Mobiliar eingerichtet. Die passen zu den dicken Klostermauern, hinter denen sich nun die Urlauber geborgen fühlen.

1988 hatte Pierre-Marie Mauvais, der Vater, das heruntergekommene, teils zerstörte Ensemble gekauft. Nach dessen Tod gab sich der Sohn einen Ruck und zog 2005 mit seiner Familie von Paris ins stille Reigny. Durch die Mühen zweier Generationen ist aus der einstigen Abtei ein gastliches Haus geworden. Die Tochter, eines von vier Kindern, füllt einen Willkommenstrunk in die Gläser. Danach speisen Louis-Marie und Béatrice gemeinsam mit den Gästen.
In einem ehemaligen Stallgebäude neben dem dicken Taubenturm befinden sich nun Ferienwohnungen, eine davon behindertengerecht, und draußen ein ganzjährig beheiztes Schwimmbad. Im ehemaligen Refektorium, dem Speisesaal der Mönche, tobt nun bei Hochzeiten und Konzerte das Leben so wie nie zuvor. http://www.abbayedereigny.com

Im nahen Avallon überlassen wir das Schlafen Napoleon I, der dort 16. März 1815 – in der Hostellerie de la Poste – übernachtete. Das Volk habe ihm so zugejubelt, dass er immer wieder vom Balkon winken musste und kaum zur Ruhe kam, berichtet die Stadtführerin.
An Ruhe fehlt es heutzutage in Avallon nicht. Lediglich das samstägliche Marktgeschehen bringt Munterkeit ins 7.000-Einwohner-Städtchen. Nur wenige gehen bis zur Église Saint-Lazare, der Lazaruskirche von 1106, zum letztgebauten romanischen Gotteshaus in Burgund. Das originale Tympanon über dem Nebenportal ist reichlich verwittert, die Orgel drinnen tut’s nicht mehr. Dort fehlt ein Jesus, um dem alten Lazarus-Bauwerk neues Leben einzuhauchen.

In Vézelay mit seiner Basilika Sainte-Madelaine (Maria Magdalena) ist das überzeugend gelungen. Der hügelan gelegene Ort zählt zu den schönsten Dörfern Frankreichs und ist wegen dieser Kirche ein international bekanntes Wallfahrtsziel und außerdem eine Station auf dem Weg nach Santiago de Compostela.
Die ersten Pilger kamen, nachdem 882 ein Mönch na¬mens Ba¬di¬lon die Re¬li¬quien von Maria Magdalena aus der Provence, wo sie angeblich verstorben war, nach Vé¬zelay brachte. Eine rege Bautätigkeit setzte ein, von der Romanik in die Gotik. In der 1128 gegründeten Zisterzienser-Abtei lebten im Mittelalter etwa 300 Mönche und Laienbrüder.

Im 18. Jahrhundert endete die glanzvolle Zeit. 1760 wurden die meisten Klostergebäude abgerissen, die Skulpturen an der Kirchenaußenseite während der Französischen Revolution zerstört. Erst die Total-Restaurierung von 1840 -1859 unter Leitung des erst 25jährigen Architekten Eu¬gène Viollet-le-Duc rettete das Gotteshaus. Sogar die abhanden gekommenen Marie-Magdalena-Reliquien konnten in den 1870’er Jahren durch neue ersetzt werden.-
Die Basilika wurde daraufhin wieder zum Pilgerziel und gehört mit Dorf und Umgebung seit 1979 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Fünf Mönche und elf Nonnen des Jerusalem Ordens leben inzwischen dort, auch viele Urlauber streifen durch die Sträßchen. Fasziniert stehen dann alle vor dem romanischen Tympanon über der Tür, die vom Empfangsraum der Pilger (dem Narthex) in den Kirchenraum führt. Ergriffenheit beim Blick durch das hohe Kirchenschiff. Für Guide Lorant Hecquet sind die 120 unterschiedlichen Säulenkapitelle das Erstaunlichste. Erstaunlich sind aber auch die zahlreichen Freizeitangebote drunten im weiten grünen Tal (http://www.vezelaytourisme.com).

Infos auf Deutsch: https://de.bourgognefranchecomte.com, http://www.burgund-tourismus.com und https://kulturerbe.bourgognefranchecomte.com
Vézelay: gute Zimmer und gute Küche in der „Hostellerie de la Poste et du Lion d’or“, https://www.hplv-vezelay.com.
Verkostung und Verkauf von Vézelay-Weinen in der Domaine de la Croix Montjoie in
Tharoiseau nahe Vézelay, Tel: 03 86 32 40 94, http://www.lacroixmontjoie.com, (U.W.)