ChristlicherDigest

Wenn die Flugangst lähmt

von Anette Brecht-Fischer

Mobil zu sein, gehört bei vielen zum beruflichen Alltag. Heute das Treffen in Hamburg, morgen der Termin in Mailand. Im Urlaub locken die fernen Strände, die mit dem Flieger in einigen Stunden zu erreichen sind. Doch was ist, wenn die Flugangst einen nicht ins Flugzeug steigen lässt? Die Zeit des Abflugs naht und der Puls steigt. Die Atemfrequenz ist erhöht, die Nackenmuskeln sind angespannt. Die hektische Atmosphäre am Flughafen erhöht das ohnehin mulmige Gefühl. Schweißausbruch und Schwindel, Übelkeitsblässe und zitternde Hände kommen hinzu. Instinktiv will man umkehren, auf dem Boden bleiben, nicht fliegen müssen. Die Flugangst lässt jedes noch so attraktive Urlaubsziel verblassen. So oder ähnlich beschreiben Betroffene ihre Angstzustände vor dem Abflug.

Die körperlichen Symptome sind nicht zu übersehen, doch die Panik, die in den Menschen stattfindet, ist oft och viel dramatischer: Wie in einer Filmszene läuft ein imaginärer Flugzeugabsturz immer wieder vor ihrem inneren Auge ab. Die geschlossenen Kabinentüren bedeuten Enge und das drohende Gefühl, gefangen zu sein. Es ist für die von Flugangst Gebeutelten der blanke Horror, dem Piloten und der Maschine ausgeliefert zu sein. Die Flugangst verstehen Meist handelt es sich um Personen, die sonst immer gern die Kontrolle haben. Beim Fliegen müssen sie jedoch diese Kontrolle abgeben und dem Piloten und dem Flugzeug vertrauen. Die Flugangst ist eine ernst zu nehmende Angststörung, die gar nicht so selten ist. Nach einer Umfrage, die die Internetseite flugangst.de zitiert, fühlen sich nur 40 Prozent der Passagiere an Bord wirklich wohl.

Die übrigen 60 Prozent der Fluggäste haben ein ungutes Gefühl oder sogar Panik. In anderen Umfragen berichten 15 bis 20 Prozent der Teilnehmer über Angst als beherrschendes Empfinden beim Fliegen. Und das in einer Zeit, in der Fernreisen und Kurztrips mit dem Flieger zu den Hauptstädten Europas fast schon so zum Lebensstil gehören wie früher die Autofahrt über den Brenner in Richtung Italien oder die Tour an die Ostsee. Wer das Fliegen meidet, gerät schnell unter Rechtfertigungszwang. Privat lässt sich das Fliegen umgehen, geschäftlich oft nicht immer. Die Ursache der Flugangst ist meist nicht leicht zu erklären, da ein Bündel aus persönlichen Eigenschaften und Erlebtem dahintersteht. Experten diskutieren eine genetische Disposition oder eine Erinnerung an eine langanhaltende Überlastung, die ursprünglich nichts mit einer Flugreise zu tun hat.

Die Angst besiegen Wie gegen die meisten anderen Angststörungen kann auch gegen die Flugangst erfolgreich vorgegangen werden. Für den, der nicht immer am Boden bleiben will, gibt es Mittel und Wege, die Beklommenheit zu überwinden. Wer das Übel an der Wurzel packen will, es alleine aber nicht schafft, sollte sich psychologischen Beistand holen. So bieten Fluggesellschaften wie die Lufthansa in Kooperation mit Seminaranbietern Kurse gegen Flugangst an. Sie dauern meist ein oder zwei Tage. Nach einem faktenreichen Therapieteil steht auch ein Besuch im Cockpit und im Passagierbereich eines Flugzeugs an sowie ein begleiteter, gemeinsamer Probeflug aller Kursteilnehmer. Manche Passagiere fühlen sich schon sicherer, wenn sie mehr darüber wissen, was rund um den Flug passiert. Gerade in leichteren und frühen Phasen der Flugangst kann das Wissen über die Wartung der Flugzeuge, über die vorgeschriebenen Sicherheitschecks am Fluggerät, über das Durchchecken aller Funktionen vor dem Start und über Probeläufe beruhigen.

Wie sind die physikalischen Abläufe beim Fliegen? Warum kann sich ein Flugzeug überhaupt in der Luft halten? Was passiert, wenn ein Triebwerk ausfällt? Was haben die vielen Geräusche im Flugzeug zu bedeuten? Diese und viele anderen Fragen werden beantwortet. Die Abläufe beim Start und bei der Landung zu kennen, bei denen mehrere Flughafenmitarbeiter die Maschine über das Rollfeld führen, die Lage in der Luft, wo die Piloten den Autopiloten kontrollieren, selbst eingreifen bei entsprechenden Situationen und ständig mit der Flugsicherheit am Boden in Kontakt stehen – dies alles macht aus nebulösen Gefahren beherrschbare und sachliche Fakten. Entspannen können Um das innere Flattern in den Griff zu bekommen, kann man es auch mit Ablenkung probieren. An Bord gibt es Filme und Musik. Entspannter ist das Fliegen in den vorderen Reihen, denn vor den Tragflächen werden die Bewegungen des Fliegers nicht so stark wahrgenommen. Ein sichereres Gefühl geben Sitze am Gang und in der Nähe der Notausgänge.

Meist kann man schon Tage vor der Abreise bei den Fluggesellschaften den Platz seiner Wahl buchen. Unbedingt widerstehen sollte man der Versuchung, sich mit Alkohol vermeintlich zu beruhigen. Alkoholische Getränke können die Verunsicherung noch steigern. Außerdem müssen Fluggesellschaften Passagiere mit Alkoholfahne nicht mitnehmen. Sinnvoller sind Entspannungsübungen vor dem Abflug. Ob Yoga, Muskelentspannung nach Jacobsen, Meditation oder autogenes Training: Es gibt für die meisten Menschen eine passende Entspannungstechnik. Oder das passende Entspannungsmittel. In der Apotheke gibt es natürliche Präparate, die helfen, nervöse Unruhezustände zu überwinden. Passionsblume, Baldrian, Hopfen, Melisse, Johanniskraut und Lavendel weisen Inhaltsstoffe auf, die auf unterschiedliche Weise beruhigend wirken. Am besten lässt man sich dazu beraten.

Manchmal wirkt es auch beruhigend zu wissen, dass man nicht alleine ist. Stimmen die oben zitierten Zahlen, dann sitzen in jedem Flugzeug einige Menschen, denen es genauso geht. Vielleicht sogar dem Nachbarn, der sich so umschaut? Geteiltes Leid ist halbes Leid – der Spruch kann auch in dieser Situation helfen und aus dem Flug einen gemeinsamen Trainingsflug machen. Allzu streng sollte man nicht mit sich selbst sein. Die Flugangst ist nicht in wenigen Stunden zu beheben. Erst wiederholtes und bewusstes Fliegen bringt wirkliche Gelassenheit.