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„Wir sind Sammler, aber keine Jäger“

Karin und Uwe Hollweg sind leidenschaftliche Kunstsammler. 750 Werke umfasst ihre Sammlung. Mit ihrer Stiftung unterstützt das Ehepaar seit über 20 Jahren zudem Kunst, Kultur und Denkmalpflege in ihrer Heimat Bremen, aber auch bundesweit. Ein Leben ohne Kunst? Wäre erheblich ärmer, sagt Karin Hollweg von Astrid Labbert (Text); Bilder: WFB/Focke Strangmann

An der Wand hängt eine Druckgrafik des britischen Pop-Art-Künstlers Richard Hamilton. Sie heißt „First thoughts on Balzac’s Le chef d’oeuvre inconnu“ (Erste Gedanken zu Balzacs „Das unbekannte Meisterwerk“). In Balzacs Erzählung geht es um einen verzweifelnden Maler, der versucht, die Schönheit einer Frau auf Leinwand zu bannen. Auch Hamiltons Bild zeigt nun eine nackte Frau, doch in ihrem Rücken hat er auch Maler vergangener Zeiten gruppiert: Poussin, Courbet, Tiziano – sie alle haben versucht, Schönheit auf Leinwand festzuhalten. Wenn Karin Hollweg Besucher durch die Sammlung von ihr und ihrem Mann Uwe in ihrem Privat-Museum in Sichtweite zur Bremer Kunsthalle führt, bleibt sie gern vor diesem Bild stehen – und erzählt nicht nur die Balzacsche Geschichte, sondern auch, warum das Bild sie so sehr faszinierte, dass sie es vom Künstler kaufte: „Richard Hamilton war ein sehr politischer Künstler, er hat sich zum Irak-Krieg ebenso geäußert wie zum Nordirland-Konflikt. Aber am Ende seines Lebens kehrt er zu diesem Thema zurück: der Schönheit der Frau. Das gefällt mir an diesem Bild.“

Leidenschaft fürs Sammeln und für „dolle Typen“
Hamilton gehört zweifelsohne zu den Lieblingen der Sammlung. Auch wenn die Frage nach Lieblingen dem Bremer Ehepaar sichtlich schwerfällt. Wols, Mark Tobey, Richard Hamilton, Emmett Williams ragen heraus – ja, aber eigentlich sind sie es alle, sonst wären sie nicht hier. Karin und Uwe Hollweg sammeln seit Jahrzehnten Kunst, aus Leidenschaft. Als Uwe Hollweg sich schließlich 1996 aus der Geschäftsführung des florierenden Familienunternehmens, dem Haustechnik-Großhandel Cordes & Graefe, zurückzog, gründeten sie gemeinsam die Stiftung, die ihrer beider Namen trägt. „Ich musste ja noch etwas auf dem Zettel haben“, sagt Uwe Hollweg, inzwischen 80 Jahre alt, rückblickend. Nach und nach überschrieben sie in den Folgejahren immer mehr Werke der Stiftung, rund 750 sind es inzwischen. Das Ziel: „Die Sammlung soll zusammenbleiben.“ Seit Anbeginn wird sie vom Kunsthistoriker Andreas Kreul betreut und ist für Gruppen nach Voranmeldung im Rahmen einer Führung zugänglich.

Hollwegs Interesse gilt der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, oder wie sie in ihrem 2016 erschienenen Katalog beschreiben: „Werke, die während unseres Lebens entstanden sind.“ Wie sie zu den Hollwegs kamen und kommen, ist oft mit ganz eigenen Geschichten verbunden. Mark Tobey entdeckten sie etwa zufällig in St. Gallen, wo sie eigentlich nur Zigarren kaufen wollten. Hamilton, eine „dolle Type“, durften sie über einen gemeinsamen Freund persönlich kennenlernen. „Ob der Künstler bekannt ist oder eher nicht, ist unwichtig. Entscheidend ist, ob mich das Bild bewegt“, sagt Karin Hollweg. Die 70-Jährige war selbst Malerin und betont: „Wir sind Sammler, aber keine Jäger.“ Es sei wie beim Steine sammeln am Strand: Die Auswahl geschehe meist aus dem Bauch heraus.
Kunst und Kultur bewahren und ermöglichen.

Die Sammlung ist indes nicht der alleinige Zweck der gemeinnützigen Stiftung: Die Hollwegs fördern darüber auch Kunst- und Kulturprojekte sowie die Denkmalpflege. Den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche haben sie mit unterstützt, ebenso weitere Kirchen-Restaurationen in Ostdeutschland. 2011 erhielten sie den Maecenas-Preis, mit dem Persönlichkeiten geehrt werden, „die sich durch ihr Engagement in besonderer Weise um die Förderung des Kulturlebens in der Bundesrepublik Deutschland verdient gemacht haben“. In Bremen sind es große Institutionen wie das Übersee-Museum, die Kunsthalle Bremen, die Hochschule für Künste oder auch die Deutsche Kammerphilharmonie, die Zuwendungen durch die Stiftung erhalten. Die für Herbst 2018 geplante Ausstellung „Poet mit Feder und Schere“ in der Kunsthalle Bremen mit Werken von Hans Christian Andersen wird mit 250.000 Euro unterstützt. „Aber gern auch die Kleinen“, betonen die Hollwegs. Kunst- und Kulturprojekte – wie etwa einen syrischen Exil-Kulturverein in Bremen – zu fördern, mache genauso viel Arbeit, „aber auch sehr viel Spaß, weil man mit relativ wenig Geld viel bewirken kann“, sagt Karin Hollweg.
Die Stiftung, eine Familienangelegenheit.

Vier Mal im Jahr kommt der Stiftungsvorstand zusammen, um über Förderprojekte zu beraten. Es ist ein Familientreffen: mit dabei sind die drei Töchter und deren Ehemänner. Wie viel Geld sie im Jahr vergeben, möchte das Stifterpaar nicht beziffern. Mit ihrem Engagement sind die Hollwegs in Bremen übrigens in guter Gesellschaft: Nach Hamburg hat das kleinste Bundesland im Ländervergleich die zweithöchste Stiftungsdichte. 2016 waren es 331. „Wir freuen uns, wenn wir hier in Bremen helfen können“, sagt Uwe Hollweg. Einer Stadt könne die Kunst nur guttun, ist Karin Hollweg überzeugt. „Ich möchte sie nicht missen, weil das Leben ohne Kunst erheblich ärmer wäre. Der Stadt geht es hoffentlich genauso. Künstler sind die kreative Avantgarde. Deshalb tut es jeder Stadt gut, eine breite Künstlerschaft auch zu pflegen.“

Die Werke jederzeit sehen zu können, ist das Privileg einer Kunstsammlerin. Karin Hollweg ist sich dessen bewusst und geht mehrmals in der Woche durch die Sammlung. Aber natürlich werden die Bilder auch als Leihgaben an andere Museen gegeben und dort ausgestellt: Die Werke des Malers Wols etwa wanderten anlässlich seines 100. Geburtstags erst in die Bremer Kunsthalle, dann nach Houston (Texas), in die Londoner Tate Gallery und nach Madrid. Anderthalb Jahre wurden sie im Hause Hollweg schmerzlich vermisst; in dieser Zeit reifte der Entschluss: „Wenn sie zurück sind, hängen wir sie alle auf, egal wie voll es wird‟, erinnert sich Karin Hollweg. Es war ein glückliches Wiedersehen. ν