ChristlicherDigest

Bornholm ist bunt und beautiful

von Ursula Wiegand

Kaum kommt der Hafen von Rønne in Bornholms Westküste in Sicht, locken an Land schon frische Farben. Hoch erhebt sich die weiße Pfarrkirche mit der kupfergrünen Turmspitze und dem roten Dach über die ebenso roten Hausdächer. Beim Spaziergang durch die Straßen und Gassen wird das Bild noch bunter. Hier eine schmiedeeiserne Laterne auf einer ockerfarbenen Hauswand, dort ein leuchtend gelbes Fachwerkhaus mit intensiv blauer Tür. Eine ähnliche Kombination findet sich später in Svaneke an der Ostküste.

Ein gelbes zweistöckiges Haus in Rønne nennt sich mit Zweitnamen sogar Bodega. Tatsächlich besitzt die sonnenverwöhnte Ostseeinsel im Sommer durchaus mediterranes Flair, entwickelt sich aber außerdem zu einer erholsamen Ganzjahresdestination.
Auch an klaren Wintertagen gibt es romantische Sonnenuntergänge mit rötlichem Himmel über der blauen Ostsee. Und nichts gilt, entsprechend gekleidet, als so gesund wie ein flotter Strandspaziergang mit Meeresbrise, vielleicht in Dueodde, der dünenreichen Insel-Südspitze, im Sommer Bornholms weichsandiges Badeparadies.

Als Alternative können die Kids braune Wisente (europäische Bisons) im Wald von Almindingen bestaunen oder auf einem Ziegenhof die schwarz-weißen Zicklein streicheln. Generell betrachtet übertrifft jedoch der knallrote Hummer auf dem wöchentlichen Fischbuffet im Fredensborg Badehotel – Zuzahlung rd. 60 Euro – die frischluftgeröteten Gesichter farblich bei weitem.

Kunsthandwerkfans kommen ohnehin öfter nach Bornholm, kaufen Schönes fürs eigene Heim oder als Geschenk für gute Freunde. Handgemachte Keramikwaren haben hier eine urlange Tradition. Dementsprechend werden die Produkte des 1859 gegründeten Keramikbetriebs L. Hjorth in Rønne in einem ehrwürdigen Backsteinbau gefertigt.

Dort formen fleißige Hände neben gutem Gebrauchsgeschirr und schlichten Vasen auch Dekoratives. Konzentriert verpasst eine gelernte Keramikmalerin einer Ente ein gestricheltes bläuliches Federkleid. Vielleicht landet eine solche Ente später im dazugehörigen Museum.

Auch Bornholms fantasievolle Glaskunst genießt über Dänemark hinaus hohes Ansehen. Textil-Design steht ebenfalls auf der Agenda. All’ das wird gewürdigt, hat doch der World Crafts Council die Insel kürzlich für ihre hohe Erlebnisdichte und die Förderung von Glaskunst, Keramik und Textildesign als „World Craft Region“ ausgezeichnet, die erste in Europa.

Einen längeren Stopp verdient auch das Kunsthandwerkszentrum Grønbechs Gaard in Hasle, eine Kombination aus Café, Shop und Ausstellungen. Bruchsicher werden die originell geformten Glasväschen verpackt, und während die Eltern Kaffe trinken, können die Kids in einem separaten Raum Skulpturen aus recycelten Materialien basteln.
Ab Mai ist für viele Urlauber ein Abstecher zur nahen Hasle Røgerie unvermeidlich. Beim Anblick der frisch geräucherten, goldbraun glänzenden Heringe, „Bornholmer“ genannt, läuft allen gleich das Wasser im Munde zusammen. Bei den täglich gebotenen Führungen erfahren die Besucher manche Details. „Früher arbeiteten auf Bornholm 133 Räuchereien, jetzt sind es nur noch wenige“, sagt Räuchermeister Søren Heide. Auch aufs richtige Holz käme es dabei an.

Darüber hinaus erfordert das Räuchern stundenlange Aufmerksamkeit und war früher Frauensache, während die Männer zum Fischfang hinausfuhren. Neuerdings werden die Heringe aus dem dänischen Jütland importiert, die Lachse aus Norwegen. Nicht nur diese zieren das leckere Fischbuffet. Die Salate sind ebenfalls eine Delikatesse. Danach ein Gläschen Gammel Dansk – ein Magenbitter mit 29 Kräutern – so muss es eigentlich sein. (Fischbuffet rd. 20 Euro. Tel. 0045-56962002).

Nun aber auf gen Norden. Schon von weitem setzt sich die Festung Hammershus auf Bornholms felsiger Nordspitze in Szene, die größte Burgruine Nordeuropas, erbaut im 12/13. Jahrhundert. In 72 Meter Höhe thront sie, umgeben von mehreren Verteidigungsanlagen, über der schimmernden Ostsee. Mal die klobigen Mauern berühren und von vergangenen Zeiten träumen. Bei warmem Wetter vor dem Mantelturm rasten, dessen Ziegel aus den Zeiten der Lübecker (1525-75) stammen, die die Anlage erheblich erweiterten.

Das Wasser aus der Zisterne war allerdings nur gekocht verträglich, d.h. als Bier. Die Burgbewohner tranken davon täglich mindestens sechs Liter, steht auf einer Info-Tafel, um ihre stark gesalzenen Fisch- und Fleischmahlzeiten hinterzuspülen. Betrunken torkelten sie nicht umher. Das mehrfach gebraute Bier hatte nur schlappe 0,2 Prozent Alkohol und wurde sogar zur Zubereitung von Kindernahrung verwendet.

Von Norden geht’s dann entlang der Ostküste und damit vom mittelalterlichen Festungsbraun zur weißen Moderne. Gemeint ist Bornholms Kunstmuseum, konzipiert von den dänischen Architekten Johan Fogh und Per Følner. Schon die Idee, auf der relativ kleinen Insel ein Kunstmuseum zu errichten, stieß in der Bevölkerung auf Ablehnung. „Das Geld sollte lieber für soziale Projekte verwenden werden“, meinten zahlreiche Bornholmer. Auch der Standort oberhalb der Klippen von Helligdommen (Heiligtumsfelsen), einst eine vorchristliche Kultstätte, wurde kritisiert.

Das dennoch 1993 eröffnete Kunstmuseum fand aber soviel Anklang, dass es bald nicht mehr ausreichte. Seit 2003 zeigt es sich deutlich vergrößert. Gerne gehen die Besucher durch die lichten Gänge und Räume, schauen durch viele Fenster in die grüne Umgebung. Eine Dauerausstellung widmet sich den „Bornholmer Malern“, deren Bilder das besondere Licht der Insel erkennen lassen.

Einige haben auf einem Hügel oberhalb von Gudhjem gesessen und gemalt. Nach wie vor zählt dieser hübsche Ort auch zu den Lieblingszielen der Gäste, die ebenso gerne wie die Künstler über die roten Dächer auf die Ostsee schauen. Unter den Ziegeln verbirgt sich auch hier manch ein Fachwerk-Farbwunder.
Gudhjems Café Klint ist in den Wintermonaten geschlossen, doch die landeinwärts gelegene, um 1150 erbaute Østerlars Rundkirche, die größte und älteste von insgesamt vieren, ist offen. Sie alle sind noch aktiv, wärmen bei Gottesdiensten auch in der kalten Jahreszeit die Seelen. Alle waren Wehrkirchen, in denen die Menschen bei Angriffen Schutz suchten. In der Østerlars Rundkirche konnten sie während des Wartens die Fresken auf dem massiven Mittelpfeiler studieren.
Die leuchten noch immer in erstaunlich frischen Farben. Hier ringelt sich die Schlange verführerisch zwischen Adam und Eva, links davon werden die beiden Apfelbeißer aus dem Paradies vertrieben und rechts ist Jesus beim Jüngsten Gericht zu sehen. Mit jährlich rd. 120.000 Gästen ist die Østerlars Rundkirche ein echter Besuchermagnet.

In anderer Weise gilt das auch für den aparten Küstenort Svaneke ein Stück weiter südlich. Bunte Wollhüte am Marktstand, bunte Biere im Bryghus, dem ganzjährig, ab 11 Uhr geöffneten Brauhaus. Dazu das inselweit servierte Traditionsgericht „Sol (Sonne) over Gudhjem“, bestehend aus Schwarzbrot mit Butter, Hering, Zwiebeln, Radieschen, Schnittlauch, Pfeffer und Meersalz. Das rohe Eigelb obendrauf ist die Sonne.
Nur Daniel Mikkelsen, der Chocolatier gleich nebenan, kann das mit seinen Kreationen noch toppen. In Handarbeit fabrizieren er und seine Mitarbeiter die allerfeinsten Leckereien. Richtige Renner sind die Flødeboller, zarte Schaumküsse in Edelausführung. „Wenn ich im Urlaub mal keine Schokolade bekomme, werde ich ganz nervös“, sagt der schlanke große Mann und beißt sogleich in eine Praline. Auch sein Zweitbetrieb in Kopenhagen floriert.
Andererseits kommen die Dänen vom Festland gerne nach Bornholm, um hier richtig gut zu essen, beispielsweise im Restaurant Le Port in Vang nahe Hasle (0045-56 96 92 01) oder im Stammershalle Badehotel (von 1911) nördlich von Gudhjem (Tel. 0045- 56 48 42 10). Auf Wunsch einer einzelnen Dame stellt sich hinterher das ganze Team für ein Erinnerungsfoto in Positur.

Generelle Dänemark-Infos auf Deutsch unter www.visitdenmark.de, spezielle zu Bornholm unter http://bornholm.info/de. Das Fredensborg Badehotel mit Spa wird im April nach umfänglicher Modernisierung wieder eröffnet (Tel. 0045-56 90 4444). – Anders als noch in diesem Winter wird die Route Sassnitz- Rønne ab September 2018 ganzjährig und mit größeren Fähren bedient. Die Tickets sollen bereits zum Jahresende 2017 erhältlich sein.