ChristlicherDigest

Ontario: Lebendige Kultur und Lebensfreude

Von Ursula Wiegand

„Wir leben auf der Insel Gottes“ – davon sind die Ureinwohner auf Manitoulin Island in der kanadischen Provinz Ontario überzeugt. Mit 110 Seen ist dieses 2.766 qkm große Eiland im Huronsee die weltgrößte Frischwasserinsel. Dort muss niemand dürsten und darben.

Wer über Toronto und Sudbury anreist, erreicht Manitoulin Island über die mächtige Klappbrücke von Little Current, die einst dem Eisenbahnverkehr diente.
Jetzt fahren dort nur noch Autos und Busse, und schon nach wenigen Kilometern fällt auf, wie schön Manitoulin Island mit seinen Yacht- und Fischerhäfen ist. In M’Chigeeng (vorher West Bay) lockt Maggie’s Café mit „Home cooking“ (selbst Gekochtem). Dort werden alle solide satt. Gut so, denn Steve vom Stamm der Anishinaabe wartet schon vor der 1874 gegründeten Ojibwe Kulturstiftung (Ojibwe Cultural Foundation).

Die tut vieles, um die Sprache, Handwerkskunst, Kultur und Religiosität der früher unterdrückten Ureinwohner zu beleben und zu bewahren. M’Chigeeng ist eines der „First Nations“-Gebiete auf Manitoulin Island. First Nations (anstatt Indianer) ist die heutige respektvolle Bezeichnung der von den Ureinwohnern besiedelten Gegenden und ihrer indigenen Bevölkerung.

Steve (Stammesname Red Sky) wählt den „Great Spirit Circle Trail“, den kreisförmigen Pfad des Großen Geistes. „Bei uns hat sich Gott – der Große Geist Manitou – nach der anstrengenden Erschaffung der Welt ausgeruht und uns alles gegeben, was wir zum Leben brauchen,“ erklärt er und zeigt sogleich diverse Heilkräuter, von denen einige auch in Deutschland wachsen.

Salbei sei gut gegen Erkältung und Goldrute gegen Nieren- und Blasenbeschwerden. Beim Ahornbaum schaut er, ob nicht zuviel Sirup abgezapft wurde. „Die Gaben von Mutter Erde müssen geachtet und in Maßen genutzt werden, damit für andere und unsere Nachkommen genug übrig bleibt,“ betont er.
Dann lacht er: „Wer den zuerst gezapften Ahornsirup trinkt, muss gleich aufs Klo. Toilettenpapier braucht hier aber niemand, weiches Moos säubert viel angenehmer,“ so sein Rat. Immer wieder warnt er jedoch vor giftigem Efeu und beguckt kritisch einen Riesenpilz.

Der leichte, gut ausgeschilderte Trail endet an einem Felsvorsprung. Steve zeigt in die Ferne, wo der Huronsee durch den Nebel glitzert, und zurück geht’s zur Ojibwe Kulturstiftung.

Die bietet ein interessantes Museum und einen Shop. Auf dem Gelände stehen weiße Tipis, die typischen Zelte der Ureinwohner, und ein länglicher Wigwam. All’ das kann schnell ab- und wieder aufgebaut werden, praktisch für ein Nomadenvolk, wie es die Anishinaabe einst waren. Im Wigwam erhalten wir nun einen Einführungskurs in die Stammes-Riten.

Steve startet mit einer Räucherzeremonie zur Reinigung von Körper und Geist. „Das machen wir jeden Tag zu Hause und im Büro,“ versichert er und legt etwas Tabak, Zedernholzspäne, Süßgras und Salbei in eine Muschelschale. Das Gemenge zündet er an, hält die Hände über den Rauch und streicht mit ihnen übers Gesicht und sein schwarzes Haar. Genau so tun es die Besucher.
Anschließend greift Steve die Handtrommel und gibt etwas Unterricht. Das Trommeln gilt als Herzschlag der Mutter Erde und steht bei den First Nations hoch im Kurs. Die Pow Wow’s, die traditionellen Trommel- und Tanzfeste, sind die Höhepunkte des Jahres. Zum Pow Wow in M’Chigeeng Anfang September reisen die Stämme von weither an.

Schließlich wird mit Steves Hilfe noch ein „Dreamcatcher“ (Traumfänger) gebastelt. Aus dünnen, in einem Ring verknüpften Bindfäden entsteht eine Art Spinnennetz, das böse Träume abfängt. Diese Ringe hängen, wie uns später auffällt, auch in der nahen, am 22. Juni 1972 geweihten Kirche Mariä Unbefleckte Empfängnis (Immaculate Conception Church). Und die zählt zu den Highlights auf Manitoulin Island.
Schon von außen fasziniert der in Tipi-Form errichtete Holzbau mit den bunten Türen. Die stark beschädigte Marienstatue neben dem Eingang stammt noch aus dem vorigen, durch eine Propangas-Explosion zerstörten Gotteshaus.

Beim Wiederaufbau gingen Pfarrer Michael Murray S.J., der Gemeinderat und Architekt Manfred May aus North Bay neue Wege und vereinten den Katholizismus mit der Kultur, Kunst und Spiritualität der Frist Nations.

„Alles an und in dieser Kirche wurde von indigenen Künstlern geschaffen, die Türen von Mervin Debassige einem Künstler aus unserer Gemeinde. Die 12 vom Kreuz ausgehenden Strahlen repräsentieren die 12 Apostel, die die Botschaft Christi in die vier Himmelrichtungen tragen,“ erklärt Mary Kelly, die gute Seele dieser Gemeinde. „Die Zedernholz-Schnitzereien auf den Innenseiten der Türen sind die Stammeszeichen der Anishinaabe. Jeder Vogel und jedes Tier steht für einen Clan,“ ergänzt sie, „Auch wir machen vor dem Gottesdienst eine reinigende Räucherzeremonie.“

Wunderbar ist der Raumeindruck. Wie im Tipi fällt das Licht von oben in den Rundbau, ein Symbol für den Kreislauf des Lebens. Die Gläubigen sitzen auf Stufen um den mit einem großen Kreis geschmückten Altar, als säßen sie rund ums Lagerfeuer. Rechts und links vom Altar stehen – aha! – zwei „Dreamcatcher“. Gesungen und gebetet wird auf Englisch und in Ojibwe, der Sprache der Anishinaabe. Nach deren Riten wurde kürzlich eine Hochzeit in dieser Kirche gefeiert.
Verständlich, dass auch viele Urlauber diese Kirche und die Sonntagsmessen besuchen, sich aber außerdem gerne die Brautschleier-Wasserfälle (Bridal Veil Falls) anschauen und eine Kanutour auf dem Ottersee unternehmen. Der wimmelt zwar nicht mehr vor lauter Ottern, „doch hier gehen wir immer fischen,“ verrät Steve.

Geangelt wird allerdings nicht, und so ist hinterher Eiscremeschlecken bei Farquhar’s angesagt, einem Laden mit 60jähriger Tradition nahe dem Manitoulin-Hotel in Little Current. Tolle Sorten, große Kugeln. Wer zwei verzehrt, schafft kaum die nächst Mahlzeit und kann die gesparten Dollars im „Ten Mile Point“, einem roten Gebäude bei Sheguiandah „verbuttern“. Der mit First-Nations-Produkten und gutem Kunsthandwerk voll gestopfte Laden ist eine wahre Fundgrube.

Weiter nach Tobermory
Der gute Geist von Manitoulin Island bleibt uns auch bei der Weiterreise erhalten, als wir von South Baymouth mit der Fähre Chi-Cheemaun über den Huronsee nach Bruce Island schippern. „Travel in good spirits“ steht auf dem weißen Schiff mit dem bunt bemaltem Bug, und schon die zweistündige Seefahrt macht Spaß. (www.ontarioferries.com)

Genau das gilt auch für den Zielhafen Tobermory, ein beliebter Ausflugs- und Ferienort bis in den Herbst hinein. Die Terrasse vom „Fish & Chip Palace“ an der Hafenpromenade ist voll besetzt. Darüber hinaus machen saftige Steaks, hochfeine Schokolade, leckere Eiscremes und echte Cappuccinos die Gäste glücklich.
Im Hafen wimmelt es in der warmen Jahreszeit von Yachten und Booten aller Art, und die Fahrt mit einem der Glasbodenschiffe, die einen Blick in die Unterwasserwelt erlauben, ist für viele ein Muss. Dieser Mini-Törn lässt sich unterbrechen. Nicht wenige steigen an Flowerpot Island aus, um dort zu baden, in den Felsen herumzuklettern und zu wandern. Diese Blumentopfinsel (übersetzt) verdankt ihren Namen zwei auffälligen Felsen am Wasser. Je nach Perspektive ähnelt der eine aber eher einer Frau oder einem stehenden Bär.

Weit längere Trails bietet jedoch Bruce Island in seinem Nationalpark. Ab dem Parkplatz geht’s auf dem Georgian Bay Trail zunächst durch den Wald bis zu einem felsigen Naturbadeplateau mitsamt einer Höhle. Danach wird der Trail hoch über dem blauen Wasser zur anspruchsvollen Klettertour für Schwindelfreie.
Noch eins drauf setzt ein Hubschrauber-Flug. Kein Billig-Vergnügen, aber ein Erlebnis. Heli-Pilot John Mark zieht weite Schleifen über die Inseln im Fathom Five National Marine Park. Unter Wasser ist das Wrack der „Sweepstakes“ zu erkennen, die 1895 vor Cove Island unterging und nun die Taucher begeistert. Klitzeklein wirkt aus der Höhe der Hafen von Tobermory. Noch eine Kurve und eine perfekte Landung. Wie schnell sind die 12 Minuten vorbei, doch missen möchte sie niemand und auch nicht Manitoulin Island.

Infos auf Deutsch unter www.ontariotravel.net/de und www.manitoulin-island.com. Anreise mit Air Canada über Toronto und Sudbury.
Unterkünfte: Manitoulin Hotel in Little Current (www.manitoulinhotel.com). In Tobermory das Grandview Motel (http://grandview-tobermory.com)
Hubschrauber-Flüge erneut im Frühling: www.blueherontours.ca, Glasbodentouren wieder ab Anfang Mai, buchbar schon ab 8. Januar 2018 unter www.blueheronco.com (U.W.)