ChristlicherDigest

Andalusien/ Provinz Málaga – Lebenslust und heitere Trauer

von Ursula Wiegand

Andalusien mit seiner Provinz Málaga steht für Lebenslust, fröhliches Feiern und Urlaubsfreuden. Auch und gerade im Herbst. Im Oktober klettert das Thermometer auf durchschnittliche 23,7 Grad Celsius, im November noch auf fast 20 Grad. Nach dem diesjährigen spanischen Supersommer bleibt auch das Wasser länger relativ warm.

Schon der Gang über die Uferpromenade mit dem offenen, elegant geschwungenen Dach wird zum Genuss. Aber nicht alle werden sich nur an den Stränden der Costa del Sol tummeln, ist doch der Herbst die ideale Jahreszeit, um Stadt und Land zu erkunden. Überraschungen inklusive.

Eine bietet sogleich Málaga. Die Stadt besitzt, was nur wenige wissen, mit dem hügelan gelegenen Englischen St. George’s Cemetary von 1831 den ältesten evangelischen Friedhof Spaniens. Die weißen Grabsteine unterm blauen Himmel stimmen fast heiter, der Tod wirkt nicht bedrohlich.

Auf diesem Friedhof wurden auch deutsche Kaufleute begraben und die rd. 40 Matrosen, die 1907 beim Untergang des Segelschulschiffs Gneisenau ums Leben kamen. Kapitän Kretschmann, der eine Sturmwarnung ignoriert hatte, gehörte ebenfalls zu den Opfern. Der in der Bucht ankernde Dreimaster trieb schließlich bei Motorausfall gegen die Mole und sank.

Nur der Hilfe beherzter Bewohner verdankten die übrigen Besatzungsmitglieder ihr Leben. Zwei Jahre später, als der Guadalmedina die Stadt überschwemmte, revanchierte sich Deutschland und baute eine stabile Brücke über den Fluss: la Puente de Santo Domingo. Auf dem Schild steht in Klammern Puente de los Alemanes, Brücke der Deutschen, und so wird sie noch immer genannt. Einen Teil der Kosten übernahm Kaiser Wilhelm II, den Rest brachten private Spender auf.

Dann ein weiterer Hügelblick über die 1876 eingeweihte Stierkampfarena – ein Bau im arabisch inspirierten Neomudéjar-Stil – auf die modernen Hochhäuser am Hafen und das Meer. Ein starker Kontrast. In Katalonien wurde der Stierkampf vor Jahren abgeschafft, in Andalusien gehört er nach wie vor zum Leben. In der Karwoche treten die Toreros in der Arena in Kostümen mit Picasso-Motiven auf.

Aus gutem Grund, denn Pablo Picasso ist Málagas berühmtester Sohn. Das Geburtshaus an der Plaza de la Merced mit der Familienwohnung zeigt sich bestens gepflegt. Seine Entwicklung vom „normalen“ Zeichner zum weltbekannten Star der Moderne lässt sich im „Museo Picasso“ im Palacio de Buenavista nachvollziehen. Passend dazu werden im hiesigen Centro Pompidou, einem bunten Glaswürfel auf einer Hafenmole, die Werke der heutigen Avantgarde ausgestellt.

Ein kleiner erholsamer Segeltörn entlang der Küste ist eine weitere reizvolle Zutat. Vorbei am Burgberg mit der Alcazaba, der Araber-Zitadelle aus dem 11. Jahrhundert, steuert der Skipper. Die klotzige Festung prägt auch das historische Stadtzentrum mit der auf den Fundamenten einer Moschee errichteten katholischen Kathedrale. Da das Geld per saldo nur für einen Turm reichte, heißt sie im Volksmund „La Manquita“, die Einarmige. Dass ab 1528 insgesamt 254 Jahre an dem riesigen Gotteshaus gebaut wurde, mag leidgeprüfte Deutsche trösten. Die kultige Bodega El Pimpi zu Füßen der Alcazaba hebt die Stimmung sowieso (https://www.elpimpi.com).

Heiteres Staunen ist weiterhin angesagt und wiederum bei einigen Friedhöfen, die wegen ihrer ungewöhnlichen Form auch Touristen anziehen. So östlich von Málaga der runde Friedhof von Sayalonga, errichtet ab 1840. Der Blick vom Aussichtspunkt (Mirador) zeigt, dass er eher achteckig ist, doch das tut seiner Schönheit keinen Abbruch. In die runden und eckigen Nischen stellt die Bevölkerung am 1. November frische Blumen für die längst Verstorbenen. Antonio Jesús Pérez (34), der bereits wiedergewählte Bürgermeister von Sayalonga, zeigt auf einige Freimaurerzeichen. Dieser Friedhof hat seine Geheimnisse.

Offenkundig ist jedoch, dass Antonio Jesús Pérez, ein studierter Ökologe, aus Sayalonga mit seinen antiken Wurzeln ein Vorzeigestädtchen gemacht hat. Das Wassernetz wurde komplett erneuert und die Stadtbeleuchtung auf LED-Lampen umgestellt. Die Schule wird nun mit Biomasse beheizt. Alles pico bello. Im liebevoll gestalteten Stadtmuseum sind die Infos auch auf Deutsch zu lesen genau wie in diversen Prospekten. Ein heiter-friedliches Refugium für Gäste, die mehr wollen als Sonne und Strand.
Sehr sehenswert ist auch der Friedhof von Casabermeja aus dem 18. Jahrhundert, rd. 20 km nördlich von Málaga. Ein ebenfalls schneeweißes Ensemble mit Grabhäuschen und länglich- runden Grabstätten. Durchzogen von Gassen wirkt dieser Friedhof wie eine kleine andalusische Stadt und ist meilenweit entfernt von jeder düsteren Novemberstimmung. 1980 wurde er zum Nationaldenkmal erklärt.

Bringen auch rd. 6.000 Jahre alte Dolmen Heiterkeit? In Málaga gewiss, sind doch die Dolmen von Menga und Viera nahe dem Städtchens Antequera das erste UNESCO-Weltkulturerbe der Provinz. Maßgeblich dafür war wohl der Dolmen de Menga wegen seiner ungewöhnlichen Ausrichtung um 45º gen Nordosten (anstatt genau ostwärts) mit Blick auf den Berg Peña de los Enamorados, auch Liebesfelsen genannt. Der muss für die frühen Menschen von spiritueller Bedeutung gewesen sein.
Aufgrund dieser Ausrichtung scheint die Morgensonne bei der Sommersonnenwende über den Berggipfel in den Eingang. Zudem ist der fast 20 Meter lange Dolmen de Menga der angeblich längste in Europa. Die Deckenplatten wiegen ca. 180 Tonnen. Schon der Transport all’ dieser ungeheuer schweren Steine und Platten war eine logistische Meisterleistung. Wie sie vermutlich transportiert wurden, zeigt ein Film im angeschlossenen Museum.
Wer solch eine große Grabanlage aus dem Neolithikum (Jungsteinzeit, ca. 5 000 – 2000 v. Chr.) erstmalig sieht, staunt sicherlich, doch weit heiterer stimmt Antequera, eine hübsche, etwa 2000 Jahre alte Stadt. Es lohnt sich, hinauf zur Kirche Santa Maria la Mayor zu gehen, erbaut auf dem Festungshügel. Die Aussicht von dort oben auf die weißen Häuser und die zahlreichen Kirchen lohnt die kleine Mühe.

Fröhlichkeit pur gilt schließlich für das malerische Küstenstädtchen Nerja östlich von Málaga. Der Parador de Nerja, gelegen auf der Steilküste über dem langen Strand, ist ganzjährig bei den Gästen beliebt (http://www.parador.es/de/paradores/parador-de-nerja). Die einen kommen seit Jahren im Winter, um sich bei milden Temperaturen gut zu erholen. Die anderen reisen zum 15. Mai an, zur farbenprächtigen Wallfahrt zu Ehren von San Isidro (Hl. Isidor),  dem Patron der Landarbeiter.

Es ist für Nerja das Fest der Feste. Stundenlang ziehen geschmückte Ochsen den Karren mit der Isidro-Statue durch die Stadt und übers Land bis zu den Höhlen von Nerja. Tausende folgen unermüdlich. Die aufwändigen traditionellen Rüschenkleider der Damen wippen im Takt der Musik. Bis in die Nacht hinein wird gegessen, getrunken und getanzt. Lebensfreude hoch drei. Und nach dem Fest ist vor dem Fest. Schon jetzt arbeiten die Frauen an ihren Outfits für den 15. Mai 2018. (https://nerja.costasur.com/de/feste.html).

Generelle Infos beim Spanischen Fremdenverkehrsamt unter www.spain.info/de, zu Málaga und anderen Küstenorten unter www.visitcostadelsol.com. Infos zu Sayalonga: www.sayalonga.es, zu Casabermeja: www.casabermeja.es (U.W.)