ChristlicherDigest

Erfolgreich lügen mit Statistik

Wie wir täglich mit unsinnigen, falschen und verzerrenden Statistikinterpretationen verunsichert werden

Wer überzeugen möchte, bemüht die Statistik. Nichts untermauert ein Argument besser als eine – möglichst wissenschaftliche – Datenerhebung und -auswertung. Doch meist erlauben die Daten unterschiedliche Interpretationen. Und dann kommt da noch unser gestörtes Verhältnis zu statistischen Werten, das vermutlich evolutionär bedingt ist. Denn in der rauen Wirklichkeit zählen echte Gefahren, nicht Wahrscheinlichkeiten.

Vor die Wahl gestellt, in eine Stadt zu ziehen, wo ein hoher Prozentsatz der Menschen irgendwann an Krebs, Diabetes, Herzkrankheiten oder Demenz erkrankt, würden sich viele für die Alternative als Wohnort entscheiden, wo das nicht so ist. Irgendetwas muss an diesem Ort ja sein, dass man sich dort alle möglichen Krankheiten holt. Beim genaueren Hinschauen fällt jedoch auf: von alle diese Krankheiten sind vorwiegend ältere Menschen betroffen. Wer in der „Stadt der Krankheiten“ wohnt, leben in einem Umfeld, in dem die Menschen älter werden – also eher ein Zeichen für ein gesundes Umfeld.

Jährlich im Frühjahr wird der Armutsbericht für Deutschland vorgestellt. Seit Jahren mit derselben Botschaft: die Armut wird immer dramatischer. Dabei ist „Armut“ aber so definiert, dass sie mit den realen Vermögen und Einkommen der Deutschen nur noch wenig zu tun hat. Würden wir alle in einem Jahr drei oder vier Mal reicher, der Armutsbericht würde sich nicht verändern. Und wenn alle Deutschen plötzlich nichts mehr hätten, gäbe es – oh Wunder – in Deutschland keine Armen mehr. 

Fußballfans sind klug

Wer es noch nicht gewusst hat – Fußball ist Bildungsland: „Auf Platz 1: der SC Freiburg. 73,4 Prozent seiner Fans haben laut ‚Xing’ einen Hochschulabschluss“, so wurde stolz berichtet. Selbst auf den hinteren Rängen der Bundesligavereine strotzt es vor Intelligenz: „Mehr als die Hälfte (63,5 Prozent) der HSV-Fans hat einen Hochschulabschluss. All das hat angeblich Xing bei einer Befragung seiner Nutzer herausgefunden.

Wie kann das sein? Die berichteten Prozent-Zahlen beziehen sich nicht auf die Mitglieder der Fußballvereine, sondern nur auf jene, die zugleich Mitglied bei Xing sind. Die Zahlen betreffen also die Schnittmenge. Da Xing überdurchschnittlich viele Akademiker als Mitglieder hat, gibt es dort auch viele Hochschulabschlüsse – bei Xing, nicht beim HSV.

Unterbezahlte Frauen

Frauen verdienen in Deutschland weniger als Männer. Auf diese bedauerliche Tatsache weist der so genannte „Equal Pay Day“ hin. Er soll zeigen, um wie viel länger eine Frau arbeiten muss, um dasselbe Gehalt zu bekommen wie ein Mann. 2017 war dieser Tag der 18. März. Nun kann man sich darüber streiten, ob Frauen tatsächlich, wie behauptet, über 20 Prozent weniger verdienen als Männer. Viele Forscher gehen von zwei bis maximal sieben Prozent aus. Aber auch wenn man die 21,6 Prozent Minderverdienst als korrekt akzeptiert, bleibt der Equal Pay Day falsch. Denn dann müssten Frauen nicht 21,6 Prozent, sondern 27,5 Prozent länger arbeiten, um das Einkommen der Männer zu erreichen. Und 27,5 Prozent der durchschnittlich 220 Arbeitstage eines Jahres erreicht man erst am Mittag des 7. April (bei zwei Urlaubstagen pro Monat). Darauf hat die Deutsche Mathematiker-Vereinigung (DMV) bereits vor Jahren hingewiesen, aber anscheinend ist dieser Fehler nicht auszurotten. Um ein extremes Beispiel zu nehmen: Wenn ein Mann 100 Euro am Tag verdient und eine Frau nur 50 Euro, dann muss die Frau nicht einen halben, sondern einen ganzen Tag länger arbeiten, um auf den gleichen Verdienst zu kommen.

Welches Datum ergibt sich also ohne die beiden Fehler? Bei 5 Prozent weniger Verdienst fällt der Equal Pay Day 2016 auf den 20. Januar, den Todestag der amerikanischen Schauspielerin Audrey Hepburn. Bis dahin hätte Frau Hepburn aber wohl schon mehr verdient als der durchschnittliche amerikanische Mann im ganzen Jahr.

Der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Bochumer Ökonom Thomas Bauer und der Dortmunder Statistiker Walter Krämer haben im Jahr 2012 die Aktion „Unstatistik des Monats“ ins Leben gerufen. Sie hinterfragen jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Die Aktion will so dazu beitragen, mit Daten und Fakten vernünftig umzugehen, in Zahlen gefasste Abbilder der Wirklichkeit korrekt zu interpretieren und eine immer komplexere Welt und Umwelt sinnvoller zu beschreiben. www.unstatisktik.de