ChristlicherDigest

Gicht – Entzündung im Gelenk

von Anette Brecht-Fischer

Die Gicht ist eine Stoffwechselerkrankung, die sich auf die Gelenke auswirkt und sehr schmerzhafte Anfälle verursacht. Leider erfolgt die Versorgung der Betroffenen häufig nicht konsequent genug, um Schäden an Gelenken und inneren Organen zu vermeiden.

 Rund ein bis zwei Prozent der deutschen Bevölkerung leiden an Gicht, wobei mehr Männer als Frauen betroffen sind. Meist handelt es sich um ältere Personen. „In den letzten Jahren ist weltweit ein Anstieg der Gicht zu beobachten“, so die Internistin und Rheumatologin Uta Kiltz vom Rheumazentrum Ruhrgebiet.

 Die direkte Ursache der Gicht ist ein Zuviel an Harnsäure im Blut. Bei einem akuten Gichtanfall kristallisiert das Salz der Harnsäure in einem Gelenk aus, oft ist es das Grundgelenk der großen Zehe. Auf die abgelagerten Harnsäurekristalle reagiert das Immunsystem daraufhin mit einer Entzündung. Weshalb der äußerst schmerzhafte Gichtanfall so häufig eine der beiden Großzehen betrifft, ist nicht ganz klar. „Es wird vermutet, dass sich durch die niedrige Körpertemperatur in den Extremitäten die Löslichkeit der Harnsäurekristalle ändert“, so die Expertin Kiltz. Das Gelenk schwillt über Nacht plötzlich an, wird rot und heiß. Die Schmerzen sind so groß, dass manche Patienten noch nicht einmal mehr das Gewicht der Bettdecke über dem betreffenden Gelenk aushalten. Bei einem akuten Gichtanfall müssen als Erstes die Schmerzen und die Entzündung im Gelenk behandelt werden. Dabei kommen bestimmte Schmerz- und Entzündungsmittel und/oder Kortison-Präparate zum Einsatz. Unbehandelt können die Schmerzen bis zu zwei Wochen andauern.

 Ist der Gichtanfall vorüber, dürfen Arzt und Patient jedoch nicht zur Tagesordnung übergehen, denn es bleibt meist nicht bei diesem einen Vorfall. Akute Gichtanfälle können immer wieder auftreten, wenn auch oft Monate oder sogar Jahre dazwischen liegen. Die Gicht betrifft nicht nur isoliert einen Teil des Körpers, sondern wirkt sich im ganzen Organismus aus. Die Harnsäurekristalle lagern sich  in den Gelenken, aber auch in Geweben und inneren Organen ab und können diese schädigen. Mit der Zeit kann die Gicht chronisch werden, d.h. es kommt zu dauerhaften Schmerzen in den betroffenen Gelenken, die durch die Entzündung verformt und in ihrer Funktion stark beeinträchtigt werden. Die typischen Gichtknoten entstehen durch Ablagerung von Harnsäure in den Geweben und sind meist nicht schmerzhaft.

 Harnsäure ist eine Substanz, die ganz normal in unserem Stoffwechsel entsteht, wenn Zellen und Zellbestandteile abgebaut werden. Derartige Umbauprozesse finden ständig statt. Aus der Vorläufersubstanz, den Purinen, entsteht die Harnsäure. Diese wird in gelöster Form im Blut transportiert und über die Nieren mit dem Urin ausgeschieden. Doch manchmal schaffen es die Nieren aufgrund genetischer Veranlagung nicht, genügend Harnsäure zu entsorgen, dann reichert sie sich im Blut an. Dies kann besonders dann der Fall sein, wenn mit der Nahrung noch zusätzlich Purine zugeführt werden. Die bringen dann das Fass zum Überlaufen: Die Harnsäurekonzentration im Blut wird zu groß, so dass es schließlich zur Bildung der Harnsäurekristalle kommt. Viele Purine finden sich zum Beispiel in Fleisch, Fisch und Meeresfrüchten, aber auch in manchen Gemüsen und in Alkohol.

 Der erste Gichtanfall und die Diagnose Gicht sollten der Anlass sein, eine Dauertherapie zur Harnsäuresenkung zu beginnen.  Leider geschieht dies längst nicht immer. Zudem erfolgen bei vielen Patienten keine weiteren Kontrollen der Harnsäurewerte, so dass die erforderliche langfristige Behandlung der Gicht oft im Sande verläuft. „Besonders jüngere Patienten unter 45 Jahren halten sich oft nicht an die Therapieempfehlungen“, so die Rheumatologin Kiltz. „Dies führt dann dazu, dass sie wiederkehrende Gichtattacken haben.“ Zur Senkung der Harnsäure gibt es verschiedene Medikamente, deren Einnahme nach neueren Erkenntnissen schon während der Schmerztherapie des akuten Anfalls beginnen kann.

 Da die harnsäuresenkende Therapie längerfristig durchgeführt werden muss, ist es wichtig, den Patienten ausreichend zu informieren und ihm die Zusammenhänge zu erklären, damit er die Behandlung nicht auf eigene Faust abbricht, sobald die Gichtanfälle vorüber sind. Die Einnahme der Medikamente muss regelmäßig erfolgen und der Harnsäurespiegel muss immer wieder kontrolliert werden. Mindestens fünf Jahre sollte die Gicht therapiert werden, damit die Harnsäurespeicher im Körper geleert sind. Wenn dann keine Beschwerden mehr vorliegen und normale Harnsäurewerte erreicht sind, kann die Behandlung beendet werden.

 Harnsäurespiegel niedrig halten

 Wer erhöhte Harnsäurewerte hat, sollte auf seine Ernährung achten, denn die mit der Nahrung zugeführten Purine können den Harnsäurepool im Körper erhöhen und so zu einem akuten Gichtanfall beitragen. Purine werden über die Nahrung vor allem mit Alkohol (besonders Bier) und mit Fructose haltigen Softgetränken, mit Fleisch, Fisch und mit Schalentieren aufgenommen. Obwohl auch viele Gemüsesorten wie z.B. Erbsen, Bohnen oder Linsen Purine enthalten, scheinen sie keinen oder nur einen geringen Einfluss auf das Risiko für einen Gichtanfall zu haben.

 Eine schon bestehende Gichterkrankung kann nur in seltenen Fällen allein durch eine purinarme Diät ausreichend behandelt werden, wie die Rheumatologin Uta Kiltz betont, denn „meist handelt es sich um eine multifaktorielle Erkrankung, bei der genetische Faktoren, eine Nierenvorerkrankung und die Ernährung eine Rolle spielen. Wenn eine Diät die Harnsäurewerte erfolgreich absenkt, muss sie lebenslang fortgeführt werden.“

 

 

 

Alt bekannte Krankheit

 

Schon der griechische Arzt Hippokrates kannte die Gicht, doch die Ursache des Übels blieb Jahrhunderte lang im Dunkeln. Wohlhabende und gutgenährte Menschen wurden häufig von Gicht geplagt und waren deshalb im 17. und 18. Jahrhundert oft Zielscheibe bissiger Karikaturen. Der Begriff „Zipperlein“ geht auf die Gicht zurück und beschreibt spöttelnd den Gang der Erkrankten. Heute weiß man, dass das Vorurteil vom ausschweifenden Lebenswandel nicht immer angebracht ist, denn in vielen Fällen können die Erkrankten nichts dafür.