ChristlicherDigest

Das grüne Istrien erfüllt die unterschiedlichsten Urlaubswünsche

von Ursula Wiegand

„Die Gechmäcker der Publikümmer sind verschieden“, lautet ein lockerer Spruch, doch auf der kroatischen Halbinsel Istrien werden wohl alle Feriengäste glücklich. Istrien ist ganzjährig grün, hat angenehm warme Sommer, und die zahlreichen blauen Flaggen am ebenso blauen Mittelmeer verheißen unbedenkliche Badefreuden von Mai bis in den Oktober.

Schon als Istrien noch (bis 1991) zu Jugoslawien gehörte, machten die Deutschen gerne Ferien auf dieser naturschönen und damals spottbilligen Halbinsel. Inzwischen ist alles picobello, doch das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt und vor allem die gastliche Atmosphäre.

Die Küche ist frisch und vielfältig, die lokalen Weine – der helle Malvasier und der rote Teran – lassen sich gut trinken. Auch wird vielfach Deutsch gesprochen, und so waren 2016 die deutschen Urlauber mit 870.333 Übernachtungen die Istrien-Spitzenreiter, deutlich vor dem kleinen Österreich mit 578.726 Nächtigungen. Vermutlich haben sich alle, genau wie unsere Wikinger-Wandergruppe, willkommen und sicher gefühlt.

Das beliebteste Urlaubsziel ist Poreč an der Westküste. Keine „Betonklötze“ verschandeln die Promenade, wo neben den Ausflugsschiffen die Fischerboote ankern. Gegen Abend liegen schon die Netze für die nächste Ausfahrt bereit.

Poreč wurde von den Römern gegründet und bewahrt sein Erbe. Decumanus heißt die Straße, die vom Platz Trg Marafor, dem früheren Forum, quer durch die Altstadt führt. Auf dem 2.000jährigen Boden reihen sich, flankiert von gotischen Bauten, die Läden und Galerien.

Poreč’s größter Schatz und seit 1997 UNESCO-Weltkulturerbe ist die Euphrasius-Basilika aus dem 6. Jahrhundert mit ihren kostbaren frühbyzantinischen Mosaiken. Kaum können sich die Augen an ihrer Farbenpracht satt sehen, klar sind die vielen Figuren zu erkennen. Draußen taucht derweil die Sonne den Runden Turm von 1473, einst Teil der mittelalterlichen Stadtbefestigung, in güldenes Licht. Der dient nun als Café mit Meeresblick.

Darüber hinaus lohnt es sich, die Sandalen mal gegen festes Schuhwerk zu tauschen, um das Hinterland zu erkunden, z.B. auf der La Parenzana, einer zum Wander- und Radweg umgestalteten Bahntrasse. Von 1902-1935 ratterte ein Schmalspurbähnle durch Tunnel und über Viadukte von Poreč nach Triest und verknüpfte selbst die mittelalterlichen Bergorte Motovun und Grožnjan mit der weiten Welt. Ebenso – auch durch Slowenien und Italien – verläuft nun dieser 123 km lange „Gesundheits- und Freundschaftsweg“.

Durch ursprüngliche Dörfer, Täler und hügelan stapfen die Wanderer nach Motovun, das 277 Meter hoch über dem grünen Land thront. Auf der längsten Treppe Istriens geht’s weiter bergauf und durch ein altes Stadttor zur Terrasse. Die Gäste genießen dort Trüffelgerichte plus Weitsicht. Bei der Ortsumrundung auf der alten Stadtmauer schweift der Blick über die Dächer ins Mirna-Tal.

Sogar ein 3-Sterne-Haus, das Hotel Kaštel, gibt es dort oben, eingerichtet in einem Palast aus dem 17. Jahrhundert. Denn Motovun ist ein Ziel für Feinschmecker und auch per Auto und Bus erreichbar. Im Wald drum herum wachsen die begehrten istrischen Trüffel. 1999 wurde dort das weltgrößte, 1,31 kg schwere Exemplar gefunden und geriet ins Guinness Buch der Rekorde. Also bieten die Läden Trüffel in vielen Varianten an, eingeweckt in Gläsern und als Öl oder als Zutat in Wurst, Käse, Honig, Schokolade und Grappa.

Mit solchen Luxuswaren kann Grožnjan nicht konkurrieren, und dem gelben Wegweiser durch die Beinahe-Wildnis scheinen nur wenige zu folgen. „Vorsicht Dornen,“ warnt Wanderführerin Anita. Der Pfad ist mitunter fast zugewachsen, aber spannender als die Autostraße ist er allemal. Lange Zeit lebte kaum mehr jemand in Grožnjan, bis einige Künstler in die alten Steinhäuser zogen und so das urige Bergdorf retteten. Gutes Kunsthandwerk wird dort gefertigt, und eine Terrasse mit Aussicht gibt es auch hier.

„Eine Seefahrt, die ist lustig“ gilt andererseits für Rovinj. Dieser Stadt sollten sich die Besucher per Schiff nähern. Die pastellfarbene Häuserparade, dominiert von der barocken St. Euphemia-Kirche, ist echt pittoresk. Die bronzene Heilige auf dem Kirchturm dreht sich übrigens mit dem Wind. Bei schönem Wetter schaut sie zum Hafen, bei schlechtem dreht sie sich gen Norden, als wolle sie die Stadt schützen. Ihr vertrauen die Bewohner mehr als den Meteorologen.

Vom Hafen, vorbei am Grünen Markt mit den bunten Chili-Paprika-Gebinden, winden sich Kopfsteinpflaster-Gassen hügelan. Der Einfluss Venedigs auf die Bauten ist unverkennbar. 500 Jahre lang, bis 1797, hatten die Venezianer in Istrien das Sagen. Nach wie vor tragen viele Orte italienische Zweitnamen.

Alle Wege führen hinauf zur Euphemiakirche. Doch optisch ist nicht der Innenraum – mit dem Sarg der Heiligen hinter dem Altar – der Clou, sondern die Aussicht vom Turm. Die schmale, wackelige Holztreppe mit den durchgetretenen Stufen sollten aber nur schwindelfreie Leichtgewichte emporsteigen, doch ein grandioser Blick auf Rovinj belohnt die Mutigen. – Anders der Frauenheld Casanova. Der  liebte die einige Kilometer entfernte Aussicht auf den Hafen von Vrsar mitsamt den vorgelagerten Inselchen, bekannt als Casanova-Blick. Eine rostige Tafel an diesem Viewpoint erinnert an seine Besuche 1743 und 1744.

Der Lieblingsort der alten Römer war jedoch Pula nahe der Südspitze. Dort ist noch die Arena, das römische Amphitheater, erhalten. Winzig wirken die Menschen in dem 132,5 x 105 m großen Oval. Durch die Bögen und Fensternischen leuchten der blaue Himmel und das Meer um die Wette. Dank der fabelhaften Akustik wird die Arena im Sommer für Filmvorführungen und Konzerte genutzt. Der berühmte Tenor José Carreras hat dort am 27. Juli 2016 gesungen.

Das älteste Römerrelikt ist jedoch der kleine Augustustempel auf dem Forum neben dem Rathaus (von 1296). Aus den Cafés schauen die Kuchenesser auf den zierlichen 2000jährigen Bau. Ebenso bescheiden wirkt die Kathedrale aus dem 5. Jahrhundert. Doch wozu dienen die Deckel über den höchstfein gemeißelten Kapitellen? „Die regulieren die Luftfeuchtigkeit, um sie zu erhalten,“ erklärt ein älterer Aufseher, hebt dann den Teppich am Altar hoch und zeigt ein wertvolles Bodenmosaik.

Zuletzt noch geschwind James Joyce Hallo sagen, der 1904 in Pula als Englischlehrer Geld verdiente. In der Café-Bar Ulics sitzt der bronzene Literat, ignoriert die Gäste und schaut nur zum römischen Triumphbogen der Sergier. Neben dem Berühmten ist der Cappuccino etwas teurer als üblich, schmeckt aber vorzüglich.

Doch das ist nicht alles. Schon in der Altsteinzeit (Paläolithikum) lebten dort Menschen. In der Höhle von Romualdo oberhalb des Limski-Kanals zwischen Rovinji und Vrsar wurden etwa 130.000 Jahre alte Überreste von Urmenschen gefunden.

In Premantura an Istriens Südspitze entdeckte man Siedlungsspuren aus der Bronzezeit (2.200 bis 800 v. Chr.). Doch die Dinos hatten die Nase vorn: Ihre Fußstapfen aus der Kreidezeit wurden u.a. in der Bucht gefunden. Auf dem Kap Kemanjak wurde daraufhin ein Dinosaurierpfad angelegt, der sicherlich die Kids begeistert.

Wirklich echt sind jedoch die riesigen Knochen, die im Rathaus von Bale, 20 km nördlich von Pula zu sehen sind. Die hatte der Taucher Dario Boscarolli 1992 auf dem Meeresgrund vor dem Städtchen entdeckt. Eine Sensationsfund, stammen sie doch von einem 25 m großen Brachosaurier, einem der größten überhaupt, übrigens ein friedlicher Pflanzenfresser.

Infos über Istrien, auch auf Deutsch unter www.istra.hr. Wander- und Wanderstudienreisen nach Istrien bietet Wikinger Reisen www.wikinger.de. Termine im April und Mai sowie im September und Oktober. (U.W.)