ChristlicherDigest

Kenner der Küsten und Kanäle

 von Wolfgang Heumer (Text und Bilder)

Seit 20 Jahren erkundet Toni von Häfen mit seinem Plattbodenschiff „Theepot“ Küsten und Kanäle. Der 76-jährige Seebär gehört zu den Organisatoren der „Schippertage“                     

Wenn Schönheit an Attributen wie schlank, elegant, sportlich und schnell gemessen wird, haben Plattbodenschiffe keine Chance. Mit ihrem breiten Bug und dem dicken Bauch bahnen sie sich behäbig ihren Weg durch die Wellen. Ihr Temperament kommt dem der Wanderdüne nahe. Und an Deck findet man eher bedächtige Menschen in Arbeitskluft und Holzschuhen als Wassersportler in Hightech-Funktionsbekleidung. „Ja“, sagt Toni von Häfen, „diese Schiffe sind schon etwas Besonderes.“ Nach einem Moment fügt er hinzu: „Nicht nur etwas besonders Schönes, sie sind auch ein besonderes Stück der maritimen Historie.“ Seit 20 Jahren ist der 76-Jährige mit seiner „Theepot“ im Wattenmeer und auf den Kanälen unterwegs: „Diese Welt gehört zu den letzten unentdeckten Kleinoden in Europa“, lautet seine Überzeugung.

Fangemeinde in den Niederlanden

In den Niederlanden haben die „Plattboden“ schon lange eine große Fangemeinde. Dort hatten sie ihren Ursprung als Fischerboote und als Arbeits- und Transportschiffe für das Wattenmeer sowie für die Kanäle, die heute noch wichtige Verkehrsachsen in dem vom Wasser geprägten Land bilden. „Charakteristisch und namensgebend sind das flache Unterwasserschiff, der geringe Tiefgang und die Seitenschwerter“, erläutert von Häfen, „zudem lässt sich der Mast schnell und leicht legen.“

Im Wattenmeer können die Schiffe flache Stellen passieren und sich bei Niedrigwasser trocken fallen lassen. Auf den Kanälen passen sie mit gelegtem Mast unter jeder Brücke durch, ohne dass die eigens geöffnet werden muss. Etliche Exemplare der traditionsreichen Frachtschiffe finden sich auch in den Sielhäfen der niedersächsischen Nordseeküste, an Elbe und Weser. „Je weiter man nach Osten kommt, desto weniger Schiffe werden es allerdings“, meint von Häfen. „Aber wir arbeiten daran, dass die Zahl der Freunde größer wird.“

Von Häfen ist ein Seemann wie aus dem Bilderbuch. Gute 1,90 Meter groß, „Elbsegler“ auf dem Kopf. Er ist ein bedächtiger Mann, dessen Augen beim Thema Segeln und Meer strahlen. „Tja“, sagt der 76-Jährige, „ich wollte schon als Jugendlicher Kapitän werden.“ Doch mehr als ein paar Törns auf Bananendampfern, Küstenmotorschiffen und Bunkerbooten als Praktikant in den 1960er Jahren waren nicht drin. Die Augen waren Schuld: „Ein Kapitän mit Brille war damals undenkbar.“ Stattdessen ging er zur Bundeswehr, war an vielen Standorten fernab der Küste stationiert. Doch die Sehnsucht nach dem Meer blieb. 1981 unternahm er mit seiner Frau einen einwöchigen Segeltörn – auf der „Astarte“, einem Finkenwerder Kutter und dem ersten Schiff der mittlerweile beachtlichen Traditionssegler-Flotte in Bremerhaven. „Das war im April und es war a….kalt“, erinnert sich von Häfen. Aber der Funke sprang über: „Seitdem lieben wir Traditionssegelschiffe.“

 Mitinitiator der Sail Bremerhaven

Wenn Toni von Häfen etwas macht, dann richtig. Er wurde Mitglied des Vereins Sail Training Association Germany, der jungen Menschen das traditionelle Segeln nahe bringen will. Er wurde deren Geschäftsführer und 2. Vorsitzender. Immer wieder segelten er und seine Frau auf dem Dreimaster „Alexander von Humboldt I“ mit. Er gehörte zu den Initiatoren der „Sail Bremerhaven“, die alle fünf Jahre ein Millionenpublikum begeistert.

Nicht nur Deutschland, auch die Niederlande lernte er als Segelrevier schätzen. Dort war er vier Jahre lang stationiert, in der Zeit schloss er Freundschaft mit den Plattboden. 1997 war es so weit: „Drei Jahre lang hatten wir gesucht und endlich mit der „Theepot“ unser Schiff gefunden.“ Das gut neun Meter lange Boot ist eine „Lemster Aak“, Ende der 1950er Jahre gebaut. Die „Theepot“ ist bereits als Freizeitboot konzipiert, ihr stählerner Rumpf und der klappbare Holzmast folgen aber dem Bauprinzip der Arbeitsschiffe.

Schiffe sind naturgemäß klein und beengt. Trotz seiner Größe bewegt sich Toni von Häfen elegant und mit schlafwandlerischer Sicherheit an Bord – ein sicheres Indiz, dass die „Theepot“ sein zweites Zuhause ist. Das allerdings liegt nicht nur an der Behaglichkeit, die das Schiff mit seiner gemütlichen Kajüte und den knuddeligen Formen ausstrahlt. Es liegt auch an seiner Frau. „Meine Frau ist nicht nur mir zuliebe, sondern voller eigener Begeisterung mit von der Partie“, sagt Toni von Häfen. „Das ist natürlich ein absoluter Glücksfall, wenn man so ein zeitaufwendiges Hobby hat.“

Seitdem der Skipper pensioniert ist, ist das Ehepaar wochen- und monatelang unterwegs. „Man hat Zeit, man hat Ruhe, keinen Kalender im Nacken und rundherum nur wunderbare Natur“, schwärmt Toni von Häfen. Die Niederlande waren jahrelang das Revier der beiden, das deutsche Wattenmeer – und das Hinterland. „Der Vorteil des schnell klappbaren Mastes ist es, dass man ganz einfach auf die Kanäle ausweichen kann, wenn es auf See zu ruppig wird.“

Faszination der versteckten Winkel

Und von diesen Kanälen gibt es nicht nur in den Niederlanden jede Menge. „Wir haben in Deutschland ebenfalls wunderbare Wasserstraßen, allerdings kennt sie kaum jemand“, betont Toni von Häfen. Der Canal du Midi in Südfrankreich, der Shannon in Irland, der Caledonian Canal in Schottland oder die Themse in England – überall sind deutsche Urlauber auf Hausbooten unterwegs. Nur offenbar im eigenen Land nicht. „Wenn sie einmal hier durchfahren, werden sie es nie wieder missen wollen“, verspricht Toni von Häfen und erzählt mit leuchtenden Augen von den versteckten Winkeln, den Ruhepunkten, den unglaublichen Perspektiven und der Tierwelt, die man nur vom Wasser aus so intensiv erleben kann.

Im August letzten Jahres aber war er mit seinem Schiff in Bremerhaven. Die Bremerhavener Tourismusförderer veranstalteten erstmals die „Schippertage“, Toni von Häfen gehörte zu den Organisatoren. Vier Dutzend Plattbodenschiffe nahmen Kurs auf die Seestadt. Am Wochenende zuvor trafen sich die Skipper wie seit 25 Jahren in Carolinensiel zur „Wattensail“. Anschließend konnten die zumeist niederländischen Besatzungen ihren Urlaub verlängern und den Sprung nach Bremerhaven wagen. „Das ist doch schon längst überfällig“, meint von Häfen – nicht nur, weil das für sie auch eine gute Gelegenheit für eine Kanaltour ist. Der Weg nach Bremerhaven müsse schließlich nicht über die Außenweser, sondern könne auch über die Kanäle führen, sagt von Häfen. „Bremerhaven hat mit der Schiffergilde eine sehr aktive Traditionssegler-Gemeinde und mit den Havenwelten einmalige Attraktionen zu bieten.“

Und ein bisschen hat er dabei natürlich nicht nur die segelnden Besucher der Stadt im Auge: „Bei den Schippertagen gibt es auch jede Menge Programm für Landratten“, fügt er hinzu. Und wenn es nur das Seeluftschnuppern ist: „Zeit für ‚nen Klönschnack mit einem der Schipper ist immer“, verspricht Toni von Häfen auch für dieses Jahr. „Zum Beispiel darüber, warum der Norden so einmalig schön ist.“

 Mehr unter: www.schiffergilde.de