ChristlicherDigest

Lebuser Land, Wein- und Schlössertour nach Polen

von Ursula  Wiegand

Weintour nach Polen, ins Land von Bier und Wodka? Das ist kein Witz, aber Spaß macht es schon. Was der Sommelier Mariusz Pietrzykowski vom Weingut Stara Winna Góra im Lebuser Land beim feinen Mittagsmenü in die Gläser füllt, ist von angenehmer Qualität. Riesling, Grauburgunder und Traminer sind keineswegs Säuerlinge, und der Pinot noir und der rote Regent passen prima zum zarten Entenbraten.

Eigentlich hat Marek Krojcig das Gut 1995 als Familienwohnsitz gekauft, sich aber bald dem Weinanbau gewidmet. Denn der hat dank der Zisterzienser rund um Grünberg eine 700jährige Tradition. Zielona Góra heißt Grünberg nun auf Polnisch und ist die Hauptstadt der Woiwodschaft Lubuskie, des Lebuser Landes. In kommunistischer Zeit galt Wein jedoch als unpassendes Luxusgetränk, der Rebenanbau war verboten. Die politische Wende brachte auch ein Comeback für den Weinanbau.

Marek Krojcig hat sich in Deutschland beim Sortenkauf beraten lassen und sein Gut Stara Winna, Alter Weinberg, genannt. Hier wuchsen die Trauben für Polens Flasche Nummer 1, die erste, die er auch verkaufen durfte. Denn zwischen Weinanbau und –verkauf sind hohe bürokratische Hürden zu nehmen. „Doch alle waren neugierig auf diesen ersten polnischen Wein,“ lacht Marek.

Offenbar hat er gemundet, wie sich aus dem 1. Eintrag von 2004 im Gästebuch entnehmen lässt. Begeistert äußerte sich ein Gast aus Rüdesheim am Rhein und kündete sein Wiederkommen an. Die deutschen Einträge sind sehr zahlreich, bietet das Haus doch auch 8 komfortable Zimmer, davon 3 Appartments.

Bis hinunter zur Oder erstrecken sich Mareks Rebenhänge, 30.000 Liter Wein pro Jahr produziert er inzwischen und hat sich ein Weinschloss im klassischen italienischen Stil namens Winny Dworek bauen lassen. Das allein reicht nicht mehr aus. Wie die großen Zelte auf dem Grundstück zeigen, kommen viele Weinfans zum Verkosten und Feiern. Infos, auch auf Deutsch, unter www.winnydwoek.pl.

Andere Unternehmungslustige haben ähnlich agiert. Im Jahr 1990 dienten nur 2 Hektar Land dem Weinanbau, 2000 waren es 5, jetzt sind es rund 100 Hektar. Damit ist das Lebuser Land das nördlichste geschlossene Weinanbaugebiet der Welt! 50 Personen, davon etwa 40 Berufswinzer, machen Wein, 18 von ihnen dürfen ihn auch legal verkaufen. 2015/2016 wurden insgesamt 90.765 Liter Wein produziert.

Dem Aufschwung entsprechend hat man 2013 in Zabór (Saabor) das Lebuser Weinzentrum gegründet, ein zentraler Ort auf der neuen 300 km langen „Lebuser Wein- und Honigroute“. Andererseits punktet Zielona Góra (Grünberg) mit seinem Weinmuseum und überdies mit der St. Hedwigskirche aus dem 14. Jahrhundert. Eine Bacchus-Route führt vom bronzenen Wuschelkopf-Bacchus zu seinen rd. 40 kleinen Geschwistern in der Altstadt, wo nun jeden September mit hunderttausenden Besuchern das 9-tägige Weinfest „Winobranie“ gefeiert wird.

Voll im Trend liegt auch die vor gut einem Jahr eröffnete „Winiarnia Bachus“ am Alten Markt (Stary Rynek 1), die neben regionalen und internationalen Weinen auch Fusionsküche und Livemusik offeriert. „Anfangs wollten die Polen liebliche Weine,“ weiß Eigner und Ex-Tango-Tänzer Adam Kremer. „Nun bevorzugen schon 40 Prozent die trockenen.“ Seine zahlreichen deutschen Gäste sowieso.

Generell betrachtet kommen neuerdings rd. ein Drittel von Polens Touristen aus Deutschland, auch viele jüngere Menschen. Logisch, dass man gerade im Lebuser Land auf die Deutschen setzt, so im Schlosshotel von Wiechlice, 5 km östlich von Szprotawa (Sprottau). Der deutsche Name Wichelsdorf  steht deutlich auf einem Stein vor dem sonnenfarbenen, italienisch inspirierten niederschlesischen Herrenhaus von 1790.

Doch nicht dieses große, sehr marode Gebäude und die dazugehörigen Nutzbauten haben den Eigner Zbigniew Czmuda animiert, im Jahr 2007 damals stolze 120.000 Euro für den Komplex mitsamt Park hinzublättern, Geld, das er zuvor in den USA und Deutschland verdient hatte.

Den Ausschlag gab, so erzählt er in bestem Deutsch, das historische Gewölbe in einem der Nebenbauten.„So was gibt es sonst nirgendwo mehr,“ habe er zu seiner Frau gesagt. Nun krönt es den Spa-Wellness-Bereich. Schwimmen im blauen Becken unterm roten Ziegelgewölbe ist auch ein optischer Genuss. Vom selbst gebackenen Brot und den perfekt zubereiteten Menüs ganz zu schweigen.

Der letzte deutsche Gutbesitzer, Willi Theodor von Neunmann, der 1945 sein Gut verlassen musste und jetzt in Bad Salzdetfurth lebt, hat ihn besucht. „Das schaffst Du nie,“ habe er angesichts des ruinösen Zustands der meisten Gebäude gesagt: Doch Czmuda war jeden Tag auf der Baustelle und hat es in gut zwei Jahren mit regionalen Firmen geschafft.

2012 konnte der über 90jährige von Neumann das wieder hergestellte Gut und auch die 4.000 Rebstöcke bestaunen. Die Setzlinge hat Czmuda im Weinbaugebiet an der Bergstraße gekauft und sich auch bei den Experten in Franken umgeschaut. Für den fränkischen Silvaner schwärmt er nach wie vor. Auf seinem Boden gedeihen andere Sorten, und wenn die Mahlzeit zu üppig ausfällt, kommt halt Wodka auf den Tisch, auch bei den nichtpolnischen Gästen. Czmuda bietet 11 Luxusappartments im Schloss und 36 komfortable Gästezimmer im umgebauten Marstall. Regelmäßig annonciert er in deutschen Zeitungen, macht auch Sonderangebote. Das überzeugende Preis-Leistungs-Verhältnis ist sein Erfolgsrezept. Infos, auch auf Deutsch, unter www.palacwiechlice.eu.

Vielleicht schafft es nun der polnische Bauunternehmer Maciej Jusiel, dass auch im Schloss Brody (Pförten) bald wieder die Gläser klingen. 2009 hat er das 1945 ausgebrannte Schloss des Grafen Heinrich von Brühl (1700 – 1763) – rechte Hand August des Starken – gekauft. Ihm gehören auch der Schlosshof, die Ökonomiegebäude, die Schlosswiese sowie die beiden bereits restaurierten Kavaliershäuser, komplett mit Gästezimmern und Restaurant. Siehe unter www.palacbrody.pl, Mail: recepcja@palacbrody.pl
Das Schloss hatte Graf von Brühl durch den Dresdner Hofarchitekten Johann Christoph Knöffel ab 1740 deutlich erweitern lassen, doch die Pracht währte nicht lange. 1763 ließ es Friedrich der Große, Sieger im Siebenjährigen Krieg, abfackeln, waren doch Preußen und Sachsen ziemlich beste Feinde.

Nun kündet die große Uhr auf Schloss Brody von neuen, besseren Zeiten. Aus dem Schloss soll ein feines Schlosshotel werden. Das Dach wurde ab 2013 frisch gedeckt. 60 Prozent der Kosten übernahm der Eigentümer, 40 % Polen. Im riesigen Innern sorgen neue Zwischendecken für Stabilität. Weitere werden gerade eingezogen.

Ein Baugerüst draußen zeigt, dass die Parkseite bereits renoviert wird. Wie prächtig die einst aussah, ist auf einem alten Foto zu sehen, das Claudius Wecke, gärtnerischer Parkleiter des Fürst-Pückler-Parks Branitz, mitgebracht hat. Für das Schloss wird nun ein Förderantrag beim EU-geförderten Kooperationsprogramm Interreg VA gestellt, um die Fassade, die Fenster und Türen sowie das Erdgeschoss in Stand zu setzen.

Wecke kümmert sich ohnehin schon seit vielen Jahren um die Wiederherstellung des weitläufigen Schlossparks mit der historischen Lindenallee. Der gehört zur Gemeinde Brody, seit einiger Zeit aber auch – zusammen mit Park und Schloss Branitz, dem deutsch-polnischen Pückler Park Muskau (Weltkulturerbe) und dem Rosengarten in Forst (Lausitz) zum Europäischen Parkverbund.

In bisher fünf polnisch-deutschen Parkseminaren wurden im Schlosspark Brody (Pförten) die früheren Sichtachsen und Wege wieder freigelegt. Scharenweise kommen Polen und Deutsche, um dabei anzupacken. Mitglieder der Familie von Brühl reisen aus Westdeutschland an und engagieren sich so für dieses historische Erbe.

Das neueste Projekt ist das Zusammenfügen eines Sarkophags aus dem 18. Jahrhundert durch den polnische Restaurator Tomasz Filar. Die Finanzierung der Arbeiten übernimmt die Hermann-Reemtsma-Stiftung in Hamburg. Hier an der Nachkriegsgrenze findet sie statt, die deutsch-polnische und europäische Zusammenarbeit.

Generelle Infos beim Polnischen Fremdenverkehrsamt in Berlin, Tel. 030-210092-0 und unter www.polen.travel/de