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Tierpräparation

Das Bremer Übersee-Museum beherbergt viele Tiere, die ihre Betrachter lebensecht aus den Panorama-Schaukästen ansehen. Das ist das Werk der Präparatoren. Derzeit spült ihnen die Amerika-Dauerausstellung, die im November neu konzipiert wiedereröffnet wird, viele Aufträge in die Werkstatt            von Astrid Labbert

Wenn das Karibu in der Präparatorenwerkstatt des Bremer Übersee-Museums die Möglichkeit hätte – es dürfte angesichts der sorgsamen Behandlung von Ruth Nüß ein wohliges Gefühl haben. Jeden seiner Knochen hat die Tierpräparatorin in den zurückliegenden Monaten mit Vorsicht behandelt, hat seine Anatomie bis ins Kleinste studiert, seine Haut behutsam auf einen präzise modellierten und in Kunstharz gegossenen Körper gezogen und die großen dunklen Glasaugen eingesetzt, die einen jetzt so direkt ansehen.

Und wenn man den tiefen Blick, den Ruth Nüß dem Karibu nun zuwirft, nicht fehlinterpretiert, ist hier reichlich Zuneigung im Spiel. „Jedes Tier, an dem ich gerade arbeite, ist in dem Moment mein absolutes Lieblingstier“, bestätigt die zierliche Frau mit den langen braunen Haaren. Monate hat sie tagein, tagaus mit dem Karibu in der Werkstatt zugebracht, wie alle seine Vorgänger bekam das Tier in dieser Zeit einen Namen. Welchen? „Rudi natürlich“, sagt die 54-Jährige fast erstaunt. Natürlich: Karibus gehören zur Familie der Rentiere – und leben in den Weiten Amerikas.

Neue Amerika-Ausstellung

Seit dem 5. November wird das Tier auch für Besucher des direkt neben dem Hauptbahnhof gelegenen Übersee-Museums zu sehen sein. Dann eröffnet nach zwei Jahren Schließzeit die neu konzipierte Amerika-Ausstellung des Museums, das inzwischen insgesamt 1,2 Millionen Objekte beherbergt. Sie ist der letzte Teil der Dauerstellung des Natur-, Völker- und Handelskundemuseums, der pünktlich zum 120. Geburtstag modernisiert wurde. Auch in der Amerika-Schau im vierten Stock sind die Abteilungen damit nicht mehr getrennt voneinander, sondern verwoben dargestellt: Historische Exponate werden mit aktuellen Themen wie Einwanderung und Welthandel verknüpft. So wird gezeigt, dass sich der Erdölexport auf das Leben von „Rudis“ Artgenossen auswirkt. Karibus legen bis zu 6.000 Kilometer im Jahr in riesigen Herden zurück, doch die Pipelines durchschneiden ihre gewohnten Routen. Genauso ist dann nachvollziehbar, was die amerikanischen Gesellschaften im Süden und Norden des Kontinents heute prägt.

Präparieren: ein aufwendiger Prozess

„Rudi“ kam als Lieferung aus Labrador (Kanada) ins Museum, darin waren: Haut, Schädel und Skelett. Daraus ein lebensechtes Ausstellungsstück zu machen, ist nun das Metier von Ruth Nüß und ihren vier Kollegen. Mit jedem Exponat beginnt ein neues Puzzle, denn: „Jedes Tier hat eine andere Anatomie“, sagt die Präparatorin.

Das Präparieren, so viel wird schnell klar, ist ein aufwendiger Prozess, der neben Geschick auch reichlich Geduld und Interesse am Tier voraussetzt. Ruth Nüß beschäftigte sich eingehend mit dem Karibu und seinem Lebensraum. Sie ist in den Zoo gefahren und hat Rudis Artgenossen fotografiert, Bewegungsabläufe und Anatomie studiert. Im Museum soll das Tier später nicht stocksteif dastehen. In einem der beliebten Dioramen wird es wie lebendig in seinem Lebensraum zu sehen sein. Dioramen sind dreidimensionale szenische Darstellungen in einem Panorama-Schaukasten.

Die Haltung des Tieres ist deshalb ein entscheidendes Element. Die Präparatorin plant sie vorab anhand eines Kleinmodells aus Plastilin. Erst danach wird das Skelett genau so auf einem Montageständer aufgebaut und mit Drähten stabilisiert. Anschließend wird der dazugehörige Körper so passgenau aus Ton und Plastilin modelliert, dass die Haut wie ein Anzug darüber gezogen werden kann. Dafür wird zwischendurch eine „Hautprobe“ gemacht. Hier zu dünn, dort zu dick: Am Modell wird gefeilt, bis der „Anzug“ passt. Die Form stimmt jetzt, aber nicht das Material, denn die Präparate sollen für die Ewigkeit gemacht sein.

Deshalb wird in einem zweiten Schritt das Modell abschnittweise eingegipst, sodass sogenannte Formteile entstehen, erklärt die Präparatorin. Diese werden vorsichtig vom Modell gelöst und dann erneut zusammengesetzt, damit eine Hohlform entsteht. Innen sorgen Eisenstangen in den Beinen für die nötige Stabilität. Diese Negativform wird nun mit Polyurethanschaum aufgefüllt; wenn der hart ist, entfernt die Präparatorin die Form. Nach knapp dreieinhalb Monaten Arbeit ist der Körper damit fertig, und im Fall von „Rudi“ 14 Kilogramm leicht. „Dann kommt die Haut drüber“, sagt Ruth Nüß. Dafür holte sie sich Unterstützung von den Kollegen. Zweieinhalb Tage brauchten sie, um gemeinsam die Haut sorgsam zu verteilen, aufzukleben und zu vernähen. „Das ist schon ein besonderer Moment, wenn das Tier dann fertig angezogen vor einem steht.“

Als Kind kleine Tiere seziert

Wenn Ruth Nüß von ihrem Beruf spricht, wird schnell klar, dass sie ihn mit Leidenschaft betreibt. Beim Präparieren gehe es ihr nicht ums Zerlegen, sondern ums Zusammenfügen, darum, „aus der Haut, die nur ein Bettvorleger ist, wieder ein Tier zu machen“. Schon als Kind sezierte sie kleine Tiere, bekam mit zehn ihr erstes Präparierbuch und -besteck. Ihre Eltern unterstützten das ausgeprägte Interesse für Biologie, für die Anatomie der Tiere.

Ihre Ausbildung absolvierte sie später an Deutschlands einziger Berufsfachschule für Präparatoren in Bochum. Dass zum Beruf auch das Ausnehmen von Tieren gehört, akzeptierte sie. Innerlich müsse man sich davon trennen, dass man ein Tier erst „desintegriere“, erklärt sie und betont: „Ich möchte das nur machen, wenn ich weiß, dass etwas Schönes daraus entsteht. Ich stelle die Integration wieder her.“ Vieles hat sie im Laufe der vergangenen 17 Jahre schon auf dem Tisch gehabt, von fummeligen Arbeiten wie neun kleinen Blattschneiderameisen bis hin zum wuchtigen Wasserbüffel, an dem sie mitgearbeitet hat.

Zurück zu „Rudi“. Während in der Werkstatt inzwischen Präriehühner und Nabelschweine (Pekaris), ein Silberdachs und das noch unfertige Modell eines Opossums Tische und Rollwagen bevölkern, ist „Rudi“ bereits ein Stockwerk höher – beim Fototermin. Und im vierten Stock arbeiten die Handwerker an den neuen Ausstellungselementen. Das Diorama, in dem das Karibu präsentiert werden soll, steht schon: eine halbrunde, noch graue Leinwand in einem Schaukasten, in dem die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung präsentiert werden. Ruth Nüß wird auf diese mehrere Meter breite Fläche eine Landschaft malen, in der Karibus einen Fluss durchqueren.

Die nächsten Monate bis zur Ausstellungseröffnung wird sie damit und mit dem Einrichten des Schaukastens verbringen. Respekt und Vorfreude schwingen mit, wenn Ruth Nüß davon erzählt, dass sie nach zwei kleineren nun dieses große Diorama realisieren kann. Normalerweise übernehmen Bühnenmaler diesen Job. „Es ist ein Kindheitstraum von mir, Dioramen zu malen“, erzählt sie. Ihr erstes sah sie als Kind in einem dänischen Museum – und war nachhaltig fasziniert.

Geht es nach der Präparatorin, gibt es keine bessere Art, die Tiere in Szene zu setzen. Auch im Bremer Übersee-Museum zählen die handgemalten Dioramen seit Jahrzehnten zu den Publikumsmagneten. Manche Besucher gruseln sich ein wenig, die meisten aber sind absolut fasziniert. Der Grund dürfte der gleiche sein: Die Tiere wirken vollkommen lebendig und schauen dem Betrachter direkt in die Augen. So wie „Rudi“.                           ν

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