ChristlicherDigest

Nicht hinunterschauen: Höhenschwindel

von Anette Brecht-Fischer

Viele Menschen werden von einem Schwindelgefühl gepackt, sobald sie auf einer Leiter stehen. Sie trauen sich nicht, im gläsernen Aufzug in obere Etagen zu fahren oder auf einen Berg zu steigen. Verhaltensregeln können das ungute Gefühl ein wenig eindämmen.

Auch der junge Goethe litt Höllenqualen beim Besteigen des Straßburger Münsterturms. Ausschlaggebend für den Höhenschwindel ist die (oft irrationale) Angst zu stürzen, die Füße sind wie festgeklebt am Boden und manche Betroffene berichten von einem vermeintlichen Sog, der sie nach unten reißen will. Dies sind klassische Symptome des Höhenschwindels – in der Fachsprache visuelle Höhenintoleranz genannt -, wie Thomas Brandt, Neurologe und Leiter des Deutschen Zentrums für Schwindel- und Gleichgewichtsstörungen am Klinikum Großhadern der Universität München erklärt.

Er ist einer der weltweit renommiertesten Experten auf diesem Gebiet. „Unsere Arbeitsgruppe war in den 70er Jahren die erste, die den Höhenschwindel untersucht hat.“ Der Höhenschwindel ist der kleine Bruder der Höhenangst, die zusätzlich mit Panikattacken und Todesangst einhergeht. Höhenangst gilt als Krankheit und ist daher behandlungsbedürftig. Doch ab wann ein starker Höhenschwindel zur Höhenangst wird, ist nicht genau abzuklären: Schleichende Übergänge zwischen Schwindelfreiheit, Höhenschwindel und Höhenangst kennzeichnen das Forschungsgebiet. „Im englischen Sprachgebrauch gibt es nur den Ausdruck „fear of heights“, die unterscheiden nicht weiter“, meint Brandt. In der Geschichtsschreibung wird der Höhenschwindel an mehreren Stellen erwähnt.

So soll sich die Einnahme der belagerten Stadt Carthago Nova (das heutige Cartagena)  verzögert haben, weil römische Soldaten auf den hohen Leitern, die an die Stadtmauern angestellt wurden, mit Schwindel zu kämpfen hatten. In der Schilderung von Hannibals Alpenüberquerung wird erstmals davon berichtet, dass der Schwindel nicht nur beim Blick aus der Höhe nach unten auftreten kann, sondern auch beim Blick in die Höhe.

Heute kennen circa 28 Prozent der Bevölkerung das Gefühl des Höhenschwindels, wie Brandts Arbeitsgruppe herausgefunden hat. Meist tritt er im Alter zwischen zehn und zwanzig Jahren erstmals auf. Es sind etwas mehr Frauen als Männer betroffen. Rund die Hälfte davon fühlt sich durch die Höhenintoleranz im täglichen Leben beeinträchtigt, d.h. sie richtet ihre Freizeitaktivitäten danach aus oder würde nie eine Wohnung in den oberen Stockwerken eines Hochhauses beziehen. Die Symptome können schon bei einer Höhe von drei Metern beginnen, bei 20 Metern sind sie bereits maximal ausgeprägt, d.h. für den Betroffenen macht es keinen Unterschied mehr, ob er auf einem mäßig hohen Turm steht oder auf einem Felsvorsprung hunderte von Metern in die Tiefe blicken kann.

Der Höhenschwindel ist dabei abhängig von der Körperhaltung: Am stärksten ausgeprägt ist er beim Stehen und Gehen, beim Sitzen und Knien ist er weniger schlimm und beim Liegen ist er nicht mehr da. Dies hängt mit der natürlichen Schwankung des Körpers im aufrechten Zustand zusammen, die rund 2 Zentimeter von der senkrechten Achse abweichen kann. In einer normalen Umgebung nimmt das Auge diese geringen Differenzen wahr, die vom Gehirn zusammen mit den Rückmeldungen des Muskelapparates und des Gleichgewichtssystems koordiniert werden. Wenn die Augen in die Ferne blicken und keine nahen Bezugspunkte mehr da sind, werden die Schwankungen jedoch nicht mehr wahrgenommen. Die Rückmeldung ans Gehirn stimmt dann nicht mehr mit den Wahrnehmungen der beiden anderen Systeme überein, was in der Folge zu einem Schwindelanfall führen kann.

Während des Höhenschwindels verhalten sich alle Betroffenen gleich: Ihr Blick geht zum Horizont und fixiert dort einen Punkt; die Augen wandern höchstens noch ein klein wenig nach links und rechts. Die Kopfhaltung ist streng geradeaus. Die ängstliche Kontrolle des Gleichgewichts führt zum Anspannen der gesamten Muskulatur, um Körperschwankungen zu vermeiden. Dadurch wird der Gang steif und tapsig. „Blick, Kopf, Stand, Gang – alles ist starr“, kommentiert Thomas Brandt die Bewegungen seiner Versuchspersonen. „Es erinnert an Schreckstarre.“ Ihm fiel auf, dass das gleiche Verhalten auch bei Patienten mit sogenanntem phobischen Schwankschwindel (attackenartige Fallangst) auftritt.

Sollte es eine Verhaltensübereinstimmung bei Angstzuständen geben? „Möglicherweise handelt es sich hierbei um ein archaisches Muster des Totstellreflexes“, spekuliert Brandt. Im Tierreich ist ein solcher Reflex als Reaktion auf eine plötzliche Stresssituation weit verbreitet, auch beim menschlichen Fötus kann noch eine Schreckstarre im Uterus vorkommen. „Wir arbeiten weiter daran,“ stellt der Schwindelexperte fest. Ziel seiner Arbeitsgruppe ist es, den von Höhenschwindel Betroffenen Verhaltensanleitungen für den Ernstfall zu geben. In vielen Fällen ist die Angst abzustürzen irrational, da Geländer und Absperrungen dies verhindern, doch es gibt auch echte Gefahren, wie Thomas Brandt erläutert: „Die Strategie der Betroffenen, nur auf den Horizont zu gucken, kann sehr gefährlich sein, wenn man z.B. auf einem Wanderweg unterwegs ist und man eventuelle Stolperfallen am Boden wie Steine oder Wurzeln nicht sieht.“ Goethe bekam seinen Höhenschwindel übrigens durch eine selbst verordnete Verhaltenstherapie in den Griff. Er stieg immer wieder auf den Straßburger Münsterturm und setzte sich der Höhe aus: „Dergleichen Angst und Qual wiederholte ich so oft, bis der Eindruck mir ganz gleichgültig ward.“ Der Sieg über die Höhenangst mag ihm auf seinen späteren Reisen in vielerlei Hinsicht geholfen haben.

Verhalten bei Höhenschwindel 

Die Untersuchungen der Münchner Neurologen um Thomas Brandt erlauben erste praktische Empfehlungen, wie man die Symptome des Höhenschwindels vermindern kann.

–         Die Körperhaltung ist beim Schwindel von entscheidender Bedeutung. Wer liegt, kniet oder sitzt, ist weniger gefährdet als frei stehende Personen. Bei Problemen sollte man   sich folglich anlehnen, festhalten und/oder sich hinsetzen.

–         Die Schwindelgefahr wächst, je mehr man den Kopf neigt. Besser geradeaus schauen!

–         Beim Blick in die Tiefe sollten am Gesichtsfeldrand ruhende Gegenstände im Nahbereich sein, also Geländer, Felsen oder Gebüsch.

–         Niemals den ziehenden Wolken hinterhersehen! Deren großflächige Bewegungen wirken destabilisierend, denn sie erzeugen das Gefühl einer Eigenbewegung des Betrachters.

–         Im Gebirge an absturzgefährdeten Stellen niemals ohne Sicherung durch ein Fernglas schauen. Dies verstärkt die visuellen Falschmeldungen ans Gehirn.

Wer unter starkem Höhenschwindel oder Höhenangst, bis hin zu Panikattacken leidet, sollte sich in ärztliche Behandlung begeben. Hier kann z.B. eine Verhaltenstherapie helfen.