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Im Sommer erhöhtes Risiko für Harnsteine

Im Sommer erhöhtes Risiko für Harnsteine  

von Anette Brecht-Fischer

Harnsteinerkrankungen gehören zu den häufigsten Diagnosen, die in urologischen Kliniken gestellt werden. Jedes Jahr im Sommer erhöht sich die Zahl der Harnstein-Betroffenen noch einmal – schuld daran ist das Wetter.

Harnsteine entstehen in der Niere. Die Steine können mit dem Urin aus der Niere ausgeschwemmt werden und gelangen so in die ableitenden Harnwege, wo sie starke Schmerzen verursachen können. Dies passiert zum Beispiel dann, wenn sich ein Stein aus der Niere in der engen Röhre des Harnleiters verklemmt. Dadurch kommt es zu einem Harnstau, der eine Nierenkolik auslöst. Betroffene erzählen von fast unerträglichen Schmerzen im unteren Rücken oder im Bauchraum, die in alle Richtungen ausstrahlen, begleitet mit Schweißausbrüchen und nicht selten Erbrechen. Für den Laien ist meist nicht erkennbar, dass die Niere der Auslöser der Schmerzattacke ist. In der Arztpraxis oder im Krankenhaus kann die Diagnose mit Hilfe des Ultraschalls oder einer Computertomographie schnell gestellt werden. Starke Schmerzmittel und Medikamente zur Muskelentspannung bringen erste Erleichterung. 

 Große Hitze – viele Steine

Harnsteine bilden sich, wenn Mineralsalze, die normalerweise im Urin gelöst sind und mit ihm ausgeschieden werden, in zu großer Konzentration vorliegen. Männer sind häufiger betroffen als Frauen. Alle Jahre wieder gibt es ein deutliches Hoch an Harnsteinerkrankungen in den Sommermonaten. „In unseren gemäßigten Breitengraden merken wir das meist erst im Spätsommer oder Herbst“, meint Thomas Knoll, Chefarzt der Klinik für Urologie in Sindelfingen. „In den USA gibt es gute Untersuchungen dazu, die haben ein richtiges Sommerhoch bei den Erkrankungszahlen.“ Mit steigenden Temperaturen nimmt die Harnsteinbildung drastisch zu, denn Hitze, verstärktes Schwitzen und ungenügende Trinkmengen führen zu einem konzentrierteren Urin, in dem sich besonders leicht Kristalle bilden. Dies gilt zumindest für Steine, die aus dem Salz der Harnsäure bestehen. In den heißen Sommermonaten ist deshalb das Risiko, Harnsteine zu entwickeln, besonders groß, wenn man zu wenig trinkt. „Dann geht von der aufgenommenen Flüssigkeitsmenge ein großer Anteil über Atmung und Schwitzen verloren“, erklärt Thomas Knoll. Die Urinmenge ist zu gering, um die vielen Salze, die von der Niere ausgeschieden werden, in Lösung zu halten, d.h. sie kristallisieren aus und es entstehen Nierensteine. Dies betrifft besonders Patienten, die in der Vergangenheit schon einmal einen Harnstein gehabt haben, denn das Risiko, einen weiteren Stein zu entwickeln, verdoppelt sich jedes Mal. „Entscheidend ist nicht, wie viel getrunken wird, sondern wie viel Urin produziert wird.“

Ein Hinweis gibt die Farbe des Harns. „Im besten Fall ist der Urin wasserklar bis hellgelb“, sagt der Urologe Knoll. Sieht der Urin dagegen bierbraun aus, ist er viel zu konzentriert und muss durch eine größere Trinkmenge wieder verdünnt werden. Herzgesunde Menschen sollten schon bei normalen Temperaturen und durchschnittlicher körperlicher Aktivität gut zwei Liter Flüssigkeit über den Tag verteilt aufnehmen. Bei großer Hitze und schweißtreibender, körperlicher Belastung muss deutlich mehr getrunken werden. Thomas Knoll empfiehlt, häufig kleine Flüssigkeitsmengen zu trinken: „Mindestens 100 ml Flüssigkeit sollte dem Körper pro Stunde zugeführt werden, um Nierensteinen effektiv vorzubeugen.“

Die Urinmenge zu vergrößern, damit die Mineralsalze in Lösung bleiben, ist nur die eine Stellschraube, an der man drehen kann, um das Risiko einer Harnsteinbildung niedrig zu halten. Die zweite Stellschraube besteht darin, die Menge der Mineralsalze zu verringern. Da die Harnsteine aus ganz unterschiedlichen Komponenten zusammengesetzt sind, ist dies beim gesunden Menschen gezielt kaum möglich. Wurde allerdings schon einmal ein Harnstein entfernt oder ging er auf natürlichem Weg ab, ist es ganz wichtig, seine chemische Zusammensetzung im Labor untersuchen zu lassen. Dann kann der Patient in Zukunft mit einer darauf abgestimmten Ernährung seinen Teil dazu beitragen, dass sich nicht erneut Steine bilden. Grundlage sollte eine ausgewogene, ballaststoffreiche Ernährung sein. Die Kochsalzzufuhr sollte unter 6 Gramm pro Tag liegen.

Der weitaus größte Teil der Harnsteine besteht aus Verbindungen mit dem Mineral Calcium, also z.B. Calcium-Phosphat oder Calcium-Oxalat. Wenn der Betroffene bisher viele Calcium-reiche Milchprodukte gegessen hat, sollte er die Menge zukünftig reduzieren. Ist das Salz der Oxalsäure, Oxalat, im Spiel, wird empfohlen, weniger oxalhaltige Lebensmittel wie Spinat, Rhabarber oder Mangold zu konsumieren. Steine aus dem Salz der Harnsäure, Urate, sind immer häufiger in Deutschland zu finden und meist auf eine zu fleisch- bzw. eiweißhaltige Ernährung zurückzuführen. Eine Umstellung der Essgewohnheiten mit weniger Fleisch und Wurst sowie mehr Gemüse reduziert auch hier die Wahrscheinlichkeit für neue Harnsteine. Allerdings beobachtet Thomas Knoll immer wieder, dass die Motivation der Patienten schnell nachlässt: „Ist der Schmerz erst einmal weg, vergessen viele die Harnsteine wieder und halten sich nicht mehr an unsere Empfehlungen.“

 Harnstein-Therapie: Abwarten und Tee trinken? 

Um einen Harnstein zu entfernen, muss nur selten offen operiert werden, meist genügen minimalinvasive Eingriffe. Größe und Lage des Harnsteins sind entscheidend für das weitere Vorgehen. Rund 80 Prozent aller Steine bis 5 mm Größe gehen auf natürlichem Weg ab, allerdings kann das einige Wochen dauern. Krampf- und schmerzlösende Medikamente unterstützen den Vorgang, doch im Wesentlichen heißt es: Viel trinken, abwarten und den Urin durch ein Sieb abfließen lassen, damit der Stein oder Bruchstücke davon aufgefangen und später untersucht werden können.

Sind die Symptome schwerwiegender und Steingröße und Steinlage ungünstig, muss aktiv eingegriffen werden. Der Stein wird z.B. mit außerhalb des Körpers erzeugten Stoßwellen zertrümmert. Die Bruchstücke werden dann mit dem Urin ausgeschwemmt. Die meisten Harnsteine können so behandelt werden. Bei anderen Verfahren wird ein Endoskop durch die Harnröhre vorgeschoben, der Stein in der Niere zerkleinert und eingesammelt.