ChristlicherDigest

Weingarten im Ausnahmezustand – Reiterprozession

Der Freitag nach Christi Himmelfahrt ist ihr Tag. Dann kommen bis zu 3.000 Pferde nach Oberschwaben zur größten Reiterprozession Europas. Der Blutritt in Weingarten ist ein Erlebnis der besonderen Art

 von Fred Heine (Text und Bilder)

 Durch die Straßen klingt das Geklapper der Hufe. Reiter in Frack und Zylinder lenken ihre Rösser durch die Stadt. Die Luft ist kalt, der heiße Atem der Pferde staubt in weißen Wolken aus den Nüstern. Man muss früh aufstehen, wenn man alles erleben will. Es ist Freitag in Weingarten. Blutfreitag. Der Tag nach Christi Himmelfahrt. In manchen Jahren kommen hier 3.000 Pferde zusammen, um die Blutreliquie durch Stadt und Felder zu begleiten, dieses Jahr haben sich fast 2.500 angemeldet. Dazu unzählige Musikanten, so viele an der Zahl, dass sie den Zug nur partiell musikalisch untermalen. Viele der Musikgruppen stoßen irgendwann aus einer Seitenstraße hinzu, gehen ein Stück des Weges mit und verabschieden sich dann wieder – würden alle den gesamten Weg mitmarschieren, die Prozession würde erst am späten Abend zu Ende gehen.

 Weingarten im Ausnahmezustand

Der Blutritt, das ist Ausnahmezustand in Weingarten. Bis auf wenige Ausnahmen zur Verpflegung der Pilger sind die Läden geschlossen. Und auch viele Firmen, die fernab des Weges liegen. Denn erstens ist Brückentag. Und zweitens sind viele Menschen in Weingarten und Umgebung aktiv in den Blutritt eingebunden. Blutreiter zu sein, das ist für viele ein Teil ihres Lebens und ihrer Identität. Die ritten als kleine Buben mit, gehalten vom Vater. Und tun es heute noch, obschon sie selber schon Großväter sind. Einer von ihnen ist Vinzenz Bernhard aus Meckenbeuren. Der heute 80-Jährige kommt zum 65. Mal nach Weingarten, um, wie er sagt, „den Glauben zu bezeugen“. Sein Vater war Gründer der Blutreitergruppe seiner Heimatstadt, sein Sohn Vinzenz junior ist auch schon zum 41. Mal dabei. Nur knapp weniger Blutritte hat sein zweiter Sohn, der Hubert, hinter sich, doch es sind auch schon 37. Enkel Fabian und Enkelin Claudia führen die Tradition weiter. Apropos Enkelin: Ist der Blutritt nicht eigentlich eine reine Männerveranstaltung? Das ist er. Über den „Umweg“ Ministrantin dürfen seit geraumer Zeit auch Mädchen mitreiten. Und das machen viele mit Begeisterung.

 Longinus und das Blut Christi

Erstmals erwähnt wurde der Blutritt im Jahr 1529. Er muss aber viel älter sein, denn er wurde damals schon als „Brauch von alters her“ bezeichnet. Sicher ist, dass die Blutreliquie seit über 950 Jahren in Weingarten verehrt wird. Aber was ist Ursprung der Verehrung?

Als Christus am Kreuz sein Leben ließ, stieß der römische Legionär Longinus seine Lanze in dessen Seite. Damit wollte er sich vergewissern, dass Jesus tatsächlich tot war. Bei dieser Aktion tropfte das Blut Christi auf das Gesicht des Legionärs und erleuchtete ihn. Die Evangelisten Matthäus und Markus berichten davon („Als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.“) Longinus, so heißt es in der Legende, nahm einige der Blutstropfen auf, vermischte sie mit der Erde Golgatas und verwahrte diese in einem bleiernen Kästchen. Nachdem er von den Aposteln getauft worden war, verließ er Jerusalem und fuhr mit dem Schiff ins italienische Mantua, wo er das Christentum predigte und verfolgt wurde. Das frühe Mittelalter gilt nicht nur als dunkel, sondern war auch eine gefährliche und bewegte Zeit. Mantua wurde in Kriege hineingezogen und wurde belagert, was dazu führte, dass die Blutreliquie mehrfach versteckt und geteilt wurde. Der größere Teil der Reliquie gelangte über Rom im 11. Jahrhundert schließlich nach Weingarten, wo sie als wertvollster Schatz gut gehütet das Jahr über in der prachtvollen Barockbasilika – der größten Deutschlands – eingeschlossen ist.

Die  thront erhaben, umrahmt von einer beeindruckenden Klosteranlage, auf dem Martinsberg. Hier beginnen die Feierlichkeiten am Vortag, Christi Himmelfahrt, mit der Anreise der rund 100 aus ganz Oberschwaben und darüber hinaus teilnehmenden Reitergruppen. In den Abendstunden begeben sich dann Gäste und Einheimische zur Messe in und vor die Barockbasilika. Nach Einbruch der Dunkelheit ziehen die Gläubigen in einer Lichterprozession betend und singend von der Basilika durch die festlich erleuchtete Stadt zur Andacht auf den nahe gelegenen Kreuzberg.

 Zwei Marathons pro Tag für die Urkunde

Der Blutfreitag selbst beginnt um 7 Uhr mit der Übergabe des Reliquiars an die Heilig-Blut-Reiter. Die feierliche Übergabe eröffnet die Reiterprozession, die in dieser Form und Größe einmalig in Europa ist. Rund 3.000 Reiter in Frack und Zylinder aus allen Teilen Oberschwabens und darüber hinaus, die jeweils von ihren Pfarrern und Ministranten ebenfalls hoch zu Ross begleitet werden, begleiten den Heilig-Blut-Reiter auf seinem zehn Kilometer und drei Stunden langen Weg durch die Stadt und die angrenzenden Flure, um den Segen des Heiligen Blutes Christi für sich und ihre Familien zu erbitten. Vorbei am Spalier der zahlreichen Pilger und Touristen, führt der Zug auch am Rathaus der Stadt vorbei, in das Weingartens Oberbürgermeister Markus Ewald Gäste aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche sowie die „Blutreiter-Veteranen“ geladen hat.

Die Rückgabe der Heilig-Blut-Reliquie erfolgt traditionell kurz vor Mittag auf dem Äußeren Klosterhof mit einem aus vielen Kehlen geschmetterten „Großer Gott, wir loben Dich“. Der Festprediger und weitere Geistliche mit ihren Ministranten sind versammelt, um das Kleinod in feierlicher Prozession in die Basilika zurückzugeleiten. Der festliche Abschluss erfolgt um 11.15 Uhr in der Basilika mit dem Pontifikalamt, das von Chor und Orchester virtuos umrahmt wird. Für die Reiter, die zum Teil von Kindesbeinen an am Blutritt teilnehmen und die bis zu 30.000 Pilger entlang des Weges, ist die Prozession ein tiefes Bekenntnis zu ihrem christlichen Glauben.

Bereits am 29. April startete Luciano Rossi Richtung Weingarten. Der 58 Jahre alte Sportler ist sonst als Langstreckenläufer durch die Wüsten der Welt unterwegs. Überall dort, wo es heiß, trocken und ungemütlich ist, hat er bereits seine Spuren hinterlassen. Er hat die Wüsten Gobi, Atacama, Sahara, Namibia und Nevada durchlaufen. In diesem Jahr wagte er sich an die 550 Kilometer lange Strecke von Mantua nach Weingarten. Jeden Tag legte er rund 80 Kilometer zurück, um pünktlich anzukommen. Das sind fast zwei Marathonläufe pro Tag. Im Gepäck hatte er den Verbrüderungsbrief der Städte Weingarten und Mantua aus dem Jahr 1278. Im Jahr 1094 brachte Judith, die Gemahlin Welf des IV, die Blutreliquie aus Mantua nach Weingarten und übergab sie der neu gegründeten Abtei.

Der Mantuaner Abt Albert bestätigte am 12. März 1278 den Ursprung des Weingartner Kostbaren Blutes aus Mantua. Außerdem gewährte er den Weingartner Mönchen eine volle und aufrichtige Verbrüderung, so dass jeder von ihnen, der mit der Erlaubnis seines Abtes nach Mantua komme, dort Gastfreundschaft erfahre. Am Ziel, dem Rathaus in Weingarten, übergab er eine Kopie des Dokumentes aus dem Jahre 1278 an Oberbürgermeister Ewald und die kirchliche Autorität in Weingarten.