ChristlicherDigest

Im Süden Frankreichs – „Die Rebellenstädte Albi und Toulouse

Wer „A“ sagt, muss auch „T“ sagen

Von Ursula Wiegand

„A“ wie Albi – den Anfang macht die einstige Bischofsstadt in der Region Midi-Pyrénées, Dort tobten von 1209-1229 die Albigenserkriege, ein Kreuzzug gegen die auch als Katharer („die Reinen“) bekannte Glaubensgemeinschaft, die sich gegen Kirche und König stellte. Selbst nach dem Sieg über sie fürchtete man ihr Gedankengut. Wie ein Bollwerk wirkt daher die ab 1282 errichtete Kathedrale Sainte-Cécile am Fluss Tarn. Noch immer dominiert dieser weltgrößte Backsteinbau das mittelalterlich geprägte Städtchen, das mit ihm zum UNESCO-Welterbe zählt.

Umso mehr verblüfft die fröhliche Pracht des 100 Meter langen Kirchenschiffs, überwölbt von einer königsblau grundierten Decke. Der lichte, reich verzierte Große Chor steht hier mitten im Gotteshaus. An seinen Wänden reihen sich die klugen Jungfrauen mit Engelsflügeln, flankiert von Apostelfiguren. Beim Gang zum Hochaltar rückt das Jüngste Gericht näher. Mit den teils badenden Nackedeis erregt es heutzutage eher Schmunzeln als Furcht.

Wehrartig wirkt auch das Palais de la Berbie, trotz der klassischen Gartenanlage. Dieser frühere Bischofssitz hütet nun die Werke des Malers Henri Toulouse-Lautrec, der in Albi geboren und aufgewachsen ist. Mehr als 1.000 Bilder hat er den Bewohnern vermacht, nicht der Stadt! Neben Bordellszenen und Plakaten überraschen Pferdeköpfe, Porträts und vom Leben gezeichnete Gesichter.

Le Lautrec“ nennt sich auch ein rustikales Restaurant nahebei. Spezialität ist das südfranzösische Nationalgericht Cassoulet, ein dicker, gut gewürzter Eintopf aus weißen Bohnen, Schweine-, Hammel und Gänsefleisch, hier auch mit Fischeinlage.100 % hausgemacht, verkündet ein Zertifikat an der Tür.

Nach einem Abstecher zum Kloster Saint-Salvi mit schönem Kreuzgang aus dem 13. Jahrhundert, fällt ein Altstadt-Haus besonders auf: das „Maison du Vieil Alby“, ein Ziegel-Fachwerk-Bau mit offenem Dachboden zum Waidtrocknen. Waid zum Blaufärben  machte im Mittelalter Händler und Städte reich. Gestank inbegriffen, wurden doch die zermahlenen und dann zu Waidkugeln geformten Blätter zwecks Gärung mit Urin übergossen.

Diese Technik, aber urinfrei, feiert nun ein gewisses Comeback. Waid – auf Französisch Pastel – wird auch wieder angebaut, so beim Château de Salettes, einem Trutzschloss aus dem 13.-15. Jahrhundert, gelegen zwischen Albi und Toulouse inmitten von Weinbergen. Blaue Blumen in Sicht? Nein. Waid blüht sonnengelb.

Im Schloss selbst, das auch mal der Toulouse-Lautrec-Familie gehörte, „blüht“ den Gästen nun ein Menü von Sternekoch Ludovic Dziewulski (ab 33 Euro). Verlockend sind auch die eigenen Weine und die ländlich-schicken Zimmer inkl. Familien-Suite (DZ ab 145 Euro, www.chateaudesalettes.com)

Auch Toulouse – das „T“ – wurde einst durch Waid wohlhabend. Die Renaissancehäuser der Waidhändler und spätere Backsteinbauten leuchten im Sonnenschein. Toulouse – die „rosarote Stadt“ und mit rd. 100.000 Studierenden 440.000 Einwohner auch eine angenehm lebendige Stadt. Fürs Blau sorgt das Färberatelier „La Fleurée de Pastel“. Anders als früher geht’s dort ruckzuck. Rein in die gelbe Flüssigkeit und schon wird das weiße Handtuch blau. Im Laden Wäsche und Outfits in diesem Natur-Farbton.

Gründerzeitbauten in Weiß mit schmiedeeisernen Balkonen setzen sich ebenfalls in Szene. Toulouse – die Stadt der schönen Häuser. Und großartiger Sakralbauten. Für Romanik steht die Basilika Saint-Sernin (Baubeginn im 11. Jahrhundert), eine Station auf dem Jakobsweg und Weltkulturerbe. In der zweischiffigen Kirche des Jakobinerklosters sind die palmartig endenden Säulen die Hingucker.

Anders das Museum der Augustiner mit seinem gotischen Kreuzgang, das aber im Säulensaal durch die bis 2018 verlängerte farb-fröhliche Kunstpräsentation von Jorge Pardo Mittelalter und Moderne kombiniert (www.augustins.org). Auf einem Welterbe schippernd lässt sich Toulouse ebenfalls betrachten – bei der Fahrt auf dem Canal du Midi, der Mittelmeer und Atlantik verbindet.

Fürs alltägliche Leben ist den Toulousern die 124 Jahre alte Markthalle am Platz Victor Hugo sicherlich wichtiger. Auch die „Touris“ wollen dort schnuppern und kosten. Gerade rückt ein Händler dem Käse mit einem Riesenmesser zu Leibe. Der passende Wein steht ebenfalls parat.

Bekanntlich ist gutes Essen den Franzosen wichtig, und auch Kochkurse haben Konjunktur. Im rappelvollen Feinkostladen L’Alimentation beweist der 27jährige Chefkoch „Flo“ am Abend sein Können.

Wird wohl die ganze Stadt im Juni rappelvoll, wenn die Kicker und ihre Fans anrücken? Im herausgeputzten Stadion finden 3 Gruppenspiele (am 13., 17. und 20. Juni) statt, ein Achtelfinale am 26. Juni. Public Viewing gibt’s auf dem zentralen Place du Capitole direkt vor dem Rathaus.

Doch bitte bloß nicht das „Personal Viewing“ in „A“ wie Aeroscopia versäumen, die große Luftfahrtausstellung nahe dem Airport (www.musee-aeroscopia.fr). Toulouse gilt zu Recht als die Metropole der europäischen Flugzeugindustrie. Neben Concorde, Caravelle und der modernsten Airbus-Version hat auch die Blériot XI ein Plätzchen gefunden. Quasi ein geflügeltes Gestell plus 25 PS-Motor, mit dem Louis Blériot 1909 als Erster den Ärmelkanal überquerte. Der Menschheitstraum vom Fliegen gewann an Realität.

Infos auf Deutsch unter www.tourismus-midi-pyrenees.de, www.toulouse-tourismus.de  und www.tourisme-tarn.com/de/tarn. Auf Englisch unter www.albi-tourisme.fr
Flüge Stuttgart – Toulouse z.B. mit Air France via Paris. Shuttle-Service ab Airport Toulouse-Blagnac in die Stadt.  – Rd. stündliche Zugverbindung Albi-Toulouse und umgekehrt. 1 Fahrt kostet 14 Euro. Entfernung rd. 75 km.

Das Fremdenverkehrsamt in Toulouse bietet ganzjährig Führungen, auch in Englisch. Außerdem zeigen die „Toulouse Greeters“ (Einwohner von Toulouse) den Besuchern gratis ihre Stadt. Siehe unter http://toulousegreeters.fr. Klicken auf „Je viens à Toulouse“, dann Sprache und Interesse auswählen. Wenn der Kandidat gefunden ist, das Formular ausfüllen und mit dem „Greeter“ Kontakt aufnehmen.

Mittags ist in Toulouse auch ein Sterne-Menü im „Le Py-R“ erschwinglich (www.py-r.com). Und abends in die „N 5 Wine Bar“, rustikal, feine Weine (www.n5winebar.com).

 Angenehmes Übernachten in Albi im „Hotel Mercure Albi Bastides“, einer umgebauten Wassermühle aus dem 18. Jahrhundert am Fluss Tarn http://www.lavermicellerie-hotelmercure.fr/pages/hotel.html – in Toulouse im „Hotel Merkur Wilson“ am Place Wilson.

(http://www.mercure.com/fr/hotel-1260-hotel-mercure-toulouse-wilson/index.shtml