ChristlicherDigest

Hochsensibel – Wenn man die Flöhe husten hört

von Janet Binder

Kirsten Kampmann-Aydogan wurde als Kind oft als Mimose bezeichnet. Doch die Bremerin ist nicht einfach nur empfindlich, sie ist hochsensibel. Geräusche hört sie lauter als andere, Gerüche, Musik und Natur erlebt sie intensiver. An der Jacobs University Bremen erforscht eine Professorin das Phänomen                         

Schon als Kind war Kirsten Kampmann-Aydogan anders als Gleichaltrige. Sie war schreckhaft und fing schnell an zu weinen. Geräusche, Gerüche oder auch Missstimmungen zwischen Mutter und Vater nahm sie sehr intensiv wahr. „Du bist ein Mimöschen“, sagten ihre Eltern. Sprüche von Verwandten, Freunden und Lehrern wie „Sei doch nicht so empfindlich“ oder „Du hörst schon wieder die Flöhe husten“ sind ihr noch heute im Ohr. Sie zog sich oft zurück, wenn ihr wieder alles zu viel wurde. Mit dem Familienhund streifte sie dann durch Wälder in der Nachbarschaft. „Da konnte ich träumen und mit meinen Phantasiewesen sprechen“, erinnert sich die 55-Jährige. Erst seit drei Jahren weiß sie, warum sie immer noch anders empfindet als andere: Die Bremerin ist hochsensibel.

„Das ist keine Krankheit“, betont Kirsten Kampmann-Aydogan. „Es ist ein Persönlichkeitsmerkmal, so wie Hochbegabung.“ Als sie zufällig im Internet auf den Begriff stieß und die Beschreibung dazu las, wusste sie: „Das bin ich, das sind meine Kinder.“ Sie war erleichtert, dass ihre Familie mit der Eigenschaft nicht allein dasteht. „Ich bin nicht unnormal, nur ein bisschen anders als andere“, sagt die Mutter von zwei erwachsenen Kindern lächelnd.

Früher hatte sie sich das nicht eingestanden. Sie ließ sich als Jugendliche sogar in Discos mit lauter Musik beschallen, weil sie so sein wollte wie die anderen. „Wo ich auch hinkam, ich habe immer versucht, mich anzupassen, um freundlich angenommen zu werden.“ Weil sie sich intensiver in andere Menschen hineinversetzen kann als andere, war sie stets ein beliebter Gesprächspartner. Sie konnte sich aber nicht abgrenzen, trug die Probleme der anderen mit sich herum. „Mir ging es dadurch irgendwann einfach schlecht“, erinnert sich Kirsten Kampmann-Aydogan. Erst vor ein paar Jahren lernte sie, auf sich selbst zu achten. „Heute setze ich mich dem nicht mehr aus“, sagt die Bremerin.

Auch Tiere sind betroffen

Das US-amerikanische Psychologen-Ehepaar Elaine und Arthur Aron begann vor fast 20 Jahren damit, Hochsensibilität erstmals wissenschaftlich zu erforschen. Sie stellten Erstaunliches fest: Das Merkmal ist angeboren und gar nicht so selten; bis zu 20 Prozent der Bevölkerung ist betroffen. Und es beschränkt sich nicht auf Menschen. „Sie finden es auch bei Tieren, zum Beispiel bei Fischen, Schimpansen oder Hunden“, sagt Margrit Schreier, Professorin für empirische Methoden an der Jacobs University Bremen, die als eine der wenigen Wissenschaftler in Deutschland zur Hochsensibilität forscht. Schreier ist selbst hochsensibel.

Für eine Studie zum Thema erarbeitete sie neue Fragebögen für Betroffene. Die bereits existierenden waren kritisiert worden, weil darin die negativen Seiten der Hochsensibilität in den Vordergrund gestellt werden. Außerdem wollte Schreier mehr Männer zur ehrlichen Beantwortung der Fragen motivieren. „Hochsensibilität stimmt eher mit weiblichen Stereotypen überein“, sagt die Wissenschaftlerin. Betroffene Menschen werden als sehr einfühlsam, überdreht und wie eine „Prinzessin auf der Erbse“ wahrgenommen. „Viele Männer wollen sich darin nicht unbedingt wiedererkennen.“ Das kann Forschungsergebnisse verfälschen. Dabei seien Männer genauso häufig hochsensibel wie Frauen, so Schreier.

Das Ergebnis ihrer Befragung von über 300 Menschen in 30 Ländern zeigt, dass Hochsensibilität mit allerlei Beschwerden verbunden sein kann. Betroffene haben häufig auch Allergien, Unverträglichkeiten oder eine Chemikaliensensibilität. „Hochsensible sind einer Reizüberflutung ausgesetzt, das bedeutet Stress für sie“, begründet Schreier. Das Immunsystem werde dadurch geschwächt. „Deshalb ist es nicht überraschend, dass Allergien bei Hochsensiblen häufiger auftreten.“ Und da die Betroffenen auf viele Reize schneller und intensiver reagierten, gelte dies auch für toxische Reize. Auch Margrit Schreier selbst verträgt keine Chemikalien: Wer sie besucht, den bittet sie vorher, kein Parfum und kein Haarspray zu benutzen und keine Kleidung zu tragen, die frisch aus der chemischen Reinigung kommt.

 Achtsamkeitstraining kann helfen

Professorin Schreier hat es gelernt, mit der alltäglichen Reizüberflutung umzugehen. Das rät sie auf Vorträgen auch anderen: Bestimmte Techniken wie ein Achtsamkeitstraining könnten helfen, Reize wahrzunehmen, ohne gleich darauf zu reagieren. „Man versucht dabei, den Fokus auf einen Punkt zu lenken, zum Beispiel den Atem“, sagt sie.

Doch Hochsensibilität wird auch positiv erlebt: Weil die ästhetische Empfindsamkeit ausgeprägt ist, können Betroffene aus Kunst und Natur sehr viel für sich persönlich gewinnen. „Sie sind weit offener als andere Menschen für alle möglichen feinen Nuancen“, betont Margrit Schreier. Und depressive, hochsensible Menschen sprächen etwa sehr gut auf eine Behandlung an. „Hochsensibilität kann Risiken und Vorteile haben.“

Aber nicht jeder kommt gut mit seiner Eigenschaft klar. Kirsten Kampmann-Aydogan weiß das. Die Designerin hat inzwischen eine Ausbildung zum Psychosozialen Coach gemacht, berät Hochsensible und hat einen Stammtisch für sie ins Leben gerufen. Vor allem Frauen – im Alter von 23 bis 83 Jahren – kommen einmal im Monat in Bremen-Oberneuland zusammen, um sich auszutauschen. Kirsten Kampmann-Aydogan selbst hat oft an sich gezweifelt. „Ich musste sehr an mir arbeiten, dass ich meine Eigenschaft als etwas Positives sehen kann“, räumt sie ein. Anderen gelingt das nicht so gut. „Das ist ganz viel Kopfsache“, weiß die 55-Jährige. „Manche steigern sich da rein.“ Für diese Menschen wird der Einkauf im Supermarkt zum Spießrutenlauf, weil überall intensive Gerüche und Geräusche lauern. Es gibt Betroffene, die wegen ihrer gesundheitlichen Probleme frühverrentet sind. Kampmann-Aydogan versucht, negative Einflüsse zu vermeiden. Deshalb geht sie nicht einkaufen, wenn alle gehen, sondern morgens und lieber zum Fleischer um die Ecke als zur Fleischtheke im Supermarkt. „Alternativen sind immer möglich“, sagt sie.

 Feine Antennen für Stimmungen

Sie sei immer gut durchs Leben gekommen, sagt Kirsten Kampmann-Aydogan. Aber einfach sei es nie gewesen. Ein Besuch auf dem Freimarkt sei undenkbar. Wenn die Tochter nur einen Spritzer Parfum auflegt, bekommt die 55-Jährige bei einer gemeinsamen Autofahrt Kopfschmerzen und muss ein Fenster öffnen. Zwischenmenschliche Schwingungen spürt sie mit ihren feinen Antennen sofort. „Wenn ich auf eine Party gehe, merke ich, wie die Beziehungen der Menschen zueinander sind, obwohl ich sie vielleicht nicht gut kenne.“ Manchmal sei das unerträglich, sodass sie nach einer halben Stunde erschöpft nach Hause gehen müsse.

Aber statt sich Gedanken über die negativen Auswirkungen zu machen, konzentriert sie sich lieber auf die positiven Aspekte: Sie erlebt Spaziergänge in der Natur intensiv, Musik kann sie durch ihr feines Gehör extrem genießen. „Da kann ich richtig drin aufgehen.“ Auch im Kino reagiert sie sehr emotional. „Ich lebe die Filme: Wenn es spannend wird, wackelt die ganze Reihe, weil ich so mitgehe. Und ich kann hemmungslos weinen.“ Ein Grund, warum ihre Tochter nicht mehr mit ihr ins Kino gehen will. „Das ist ihr peinlich“, lacht Kirsten Kampmann-Aydogan.