ChristlicherDigest

Engpass im Handgelenk

von Anette Brecht-Fischer

Nachts werden Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger taub oder fangen an zu kribbeln, als ob Ameisen darüber laufen. So beschreiben Menschen mit einem Karpaltunnel-Syndrom ihre Beschwerden. Allzulange sollte man mit dem Gang zum Arzt nicht warten.

Die Schmerzen und Beschwerden in der Hand beginnen zunächst etwa beim Fahrradfahren oder bei anderen Belastungen des Handgelenks. Immer dann, wenn man über längere Zeit kraftvoll zupacken oder auch vibrierendes Werkzeug halten muss. Aber auch Schilddrüsen-Erkrankungen, Rheuma oder Diabetes können die Ursache sein. Bei anderen treten die kribbelnden Finger, Taubheitsgefühle und Schmerzen in der Hand ohne erkennbaren Grund auf.

Besonders nachts machen sie sich bemerkbar und stören den Schlaf. Morgens stellt man häufig eine Schwäche beim Zupacken fest. Durch Reiben oder Bewegen der Arme lässt sich dieses unangenehme Gefühl zunächst schnell beheben. Im Laufe der Monate jedoch können die Beschwerden auch chronisch werden. Dies wird durch eine frühzeitige Behandlung vermieden, wobei in vielen Fällen die Krankheit vollständig geheilt werden kann. Ansprechpartner des Patienten ist der Neurologe, der das Karpaltunnel-Syndrom (KTS) zunächst von anderen möglichen Ursachen abgrenzen muss.

Auslöser des Kribbelns ist eine Enge im sogenannten Karpaltunnel beim Übergang vom Arm zur Hand. Auf drei Seiten wird der Tunnel durch Handwurzelknochen begrenzt. An seiner Oberseite, zur Handfläche hin, liegt darüber ein straff gespanntes, starkes Band. Durch den so geformten, gedeckelten Kanal verlaufen neben Sehnen für die Finger auch der Mittlere Handnerv (Nervus medianus), der für die Sensibilität von Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger auf der Handflächenseite verantwortlich ist. Bei manchen Betroffenen besteht eine angeborene Enge des Karpaltunnels, bei anderen schwellen nach Überlastung die Sehnen und umgebendes Gewebe an und verengen so den Durchlass.

Der Nerv wird gedrückt oder gar gequetscht, was die Reizweiterleitung verzögert und zu den beschriebenen Gefühlsstörungen führt. Ein Neurologe meint dazu: „Häufig entwickeln Menschen ein Karpaltunnel-Syndrom, deren Hand einseitig stark überbeansprucht oder fehlbelastet ist. Das ist zum Beispiel bei stundenlanger Computerarbeit in falscher Position oder bei schweren körperlichen Arbeiten mit den Händen der Fall. Gelegentlich kann auch eine Verletzung, beispielsweise ein Bruch im Bereich des Handgelenks, oder ein sehr schmales Handgelenk für die Erkrankung mitverantwortlich sein.“

Schätzungen gehen davon aus, dass acht bis zehn Prozent der Bevölkerung in unterschiedlichem Ausmaß unter dem Karpaltunnel-Syndrom leiden. Frauen sind dabei dreimal so häufig betroffen wie Männer. Meist beginnt bei Frauen die Erkrankung in den Wechseljahren, so dass man auch von einer hormonellen Beteiligung ausgeht. Angenommen werden hormonell beeinflusste Umbauprozesse im Gewebe, die zu nächtlicher Wassereinlagerung führen. Dadurch quellen z.B. Sehnenscheiden auf, die den Durchlass im Karpaltunnel verengen. Auch Schwangere sind aus diesen Gründen häufiger betroffen.

Bei ihnen bilden sich die Symptome nach Ende der Schwangerschaft von selbst zurück. Im fortgeschrittenen Stadium eines KTS können Schmerzen und Taubheitsgefühl auch tagsüber auftreten, wenn sich eine stärkere Nervenschädigung entwickelt. Zudem können einzelne Muskeln der Hand kraftloser werden. Besonders die Daumenmuskulatur baut sich nach längerem Verlauf der Krankheit ab. Die Finger fühlen sich geschwollen und steif an. Damit der Neurologe die Diagnose stellen kann, braucht er genaue Informationen, in welchem Bereich der Hand es kribbelt und wie sich die Finger beugen lassen.

Außerdem wird die elektrische Leitfähigkeit der Nerven mit Hilfe von Elektroden getestet. So kann der Arzt das KTS von anderen Krankheiten – etwa von Irritationen des Nervs an anderer Stelle oder von einem Bandscheibenvorfall – abgrenzen und feststellen, wie stark der Nerv geschädigt ist.

Hand zu behandeln
Steht die Diagnose Karpaltunnelsyndrom fest, gibt es verschiedene Behandlungsformen. Wenn die Ursache in einer Fehlstellung oder einer Überbelastung der Hand zu sehen ist, sollte diese als Erstes behoben oder beendet werden. Bei leichten bis mittelschweren Beschwerden erfolgt eine sogenannte konservative Therapie, d.h. ohne Operation. Die wichtigste Maßnahme ist dabei, die Hand zu schonen. So verhindert eine gepolsterte Unterarmschiene, dass das Handgelenk abknickt.

Sie wird vorwiegend nachts getragen, um den Druck auf den Nerv zu verringern. Eine derartige, konsequent durchgeführte Schonung verbessert in vielen Fällen bereits deutlich die Situation. Manchmal werden unterstützend oder auch alternativ Schmerzmittel verabreicht. Kortison kann als Spritze direkt in den verengten Bereich oder in Tablettenform gegeben werden, um Entzündungen zu lindern.

Bringt die konservative Behandlung nach einigen Wochen keine wesentliche Besserung, sollte man über die Möglichkeit einer Operation nachdenken – vorausgesetzt, die Beschwerden und elektrophysiologische Befunde sind noch deutlich ausgeprägt. Der Eingriff gehört zu den häufigsten Operationen in Deutschland, jährlich wird er rund 300.000 Mal durchgeführt. 90 Prozent aller derartigen Operationen geschehen ambulant und mit lokaler Betäubung. Der Chirurg durchtrennt dabei das Bindegewebsband, welches das Tunneldach bildet, und schafft so wieder mehr Platz für den Mittleren Handnerv.

Die Operation kann in offener Form, also mit einem Schnitt am Handgelenk ausgeführt werden, oder in minimal-invasiver Form, bei der die OP-Geräte durch zwei kleine Einschnitte eingeführt werden. Dann bleiben nur zwei winzige Narben zurück. Wichtig ist, dass sofort nach dem Eingriff die Rehabilitation mit Bewegungsübungen beginnt, wobei die Belastung der Hand aber nur langsam zunehmen darf. Etwa vier bis sechs Wochen lang nach der Operation sollen die Betroffenen keine schweren manuellen Tätigkeiten ausführen.

Wie kann man einem Karpaltunnel-Syndrom vorbeugen?
Achten Sie auf die Haltung Ihrer Handgelenke. Eine länger andauernde starke Beugung der Handgelenke sollte vermieden werden. Bei Arbeiten am Computer, aber auch beim Radfahren und bei anderen Tätigkeiten sollten Hände, Handgelenke und Arme eine Linie bilden.
Bei ständig wiederkehrenden, einseitigen Bewegungen der Hand (z.B. Fließbandarbeit, aber auch Stricken) oder beim kraftvollen Zugreifen, beim Halten von vibrierenden Werkzeugen wie Motorsägen oder Steinbohrern müssen regelmäßig Pausen eingelegt werden.

Gymnastik-Tipp
Zur Entlastung der Handgelenke reicht schon eine einfache Pausengymnastik: Winkeln Sie die Ellenbogen an und bewegen Sie kreisförmig die Handgelenke für etwa eine Minute. Dann machen Sie abwechselnd lockere Fäuste und spreizen die Finger auseinander. Etwa zehn Wiederholungen reichen. Am besten ist es, Sie machen die Übungen mehrfach über den Tag verteilt.