ChristlicherDigest

Herzschmerz bei Frauen

von Anette Brecht-Fischer

Früher waren es vorwiegend die Männer, die am Herzinfarkt starben, doch inzwischen haben die Frauen aufgeholt. Eine rasche Behandlung kann Leben retten, aber viele Frauen kommen zu spät zum Arzt.

Die Sterblichkeitsrate beim Herzinfarkt ist in den letzten 25 Jahren deutlich zurückgegangen – diese gute Nachricht betrifft Männer und Frauen. Doch die Überlebenschancen der Frauen bei einem akuten Infarkt sind schlechter als die der Männer. Insgesamt überlebt mehr als die Hälfte der Frauen den ersten Infarkt nicht. Einer Studie der Deutschen Herzstiftung zufolge ist eine der Ursachen darin zu sehen, dass Frauen mit einem akuten Infarkt im Durchschnitt deutlich später ins Krankenhaus kommen als Männer.

„Die eher untypischen Anzeichen des weiblichen Herzinfarktes sind der Hauptgrund für die höhere Sterblichkeitsrate bei Frauen“, erklärt die Kardiologin Verena Stangl, Professorin an der Humboldt-Universität Berlin und Oberärztin an der Charité. Die betroffenen Frauen, aber auch manche erstbehandelnden Ärzte deuten die Beschwerden teilweise falsch, denn oft ähneln sie simplen Magenschmerzen oder Rückenproblemen. Vermehrte Information durch Ärzte und Aufklärungskampagnen in den Medien haben dazu geführt, dass die typischen Symptome eines Herzinfarktes wie Schmerzen im Oberkörper oder Rücken mit Ausstrahlung in die Arme, Engegefühl in der Brust und Angstzustände einem weiten Teil der Bevölkerung bekannt sind. Halten die Symptome mehr als 15 Minuten lang an, sollte der Notarzt gerufen werden, so lautet die Empfehlung.

Fraueninfarkte jedoch passen längst nicht immer in dieses Schema – eine Tatsache, die sie besonders gefährlich macht. „Bei nahezu jeder zweiten Frau tritt das Lehrbuchsymptom stechender Schmerz im Brustkorb gar nicht auf“, betont Stangl. Als typisch weiblicher Symptomkomplex wird mittlerweile eine Kombination aus Kurzatmigkeit, ungewöhnlicher Müdigkeit und Schwäche, Schlafstörungen sowie Übelkeit und Erbrechen angesehen. Auch Nackenschmerzen, Kiefer- und Zahnschmerzen können auftreten. Besonders, wenn diese Beschwerden unter körperlicher Belastung vorkommen und nicht innerhalb von 15 Minuten von selbst wieder verschwinden, müssen sie als mögliche Anzeichen eines Infarkts ernst genommen werden.

Die Ursache sollte immer von einem Arzt abgeklärt werden und zwar schnell, denn „jede Minute zählt, um Herzgewebe zu retten“, so die Medizinerin. Im Durchschnitt dauert es bei einem weiblichen Herzinfarkt 150 Minuten, bis der Notruf eingeht. Bei Männern wird weniger lang gewartet, ehe der Notarzt gerufen wird – eine Zeitersparnis, die sich bei der Überlebensrate bemerkbar macht: Die lebensrettenden Therapieverfahren kommen bei Frauen häufig zu spät.

Doch nicht nur die Symptome können verändert sein, auch die Risikofaktoren für die Ausprägung eines Herzinfarkts müssen bei weiblichen Personen anders gewichtet werden. Die meisten Infarkte treten zwar nach der Menopause auf, wenn die gefäßschützende Wirkung der Östrogene nicht mehr zum Tragen komme, doch die Zahl der jungen Frauen unter 45 Jahren, die mit einer koronaren Herzerkrankung stationär aufgenommen werden müssten, steige Jahr für Jahr an, berichtet die Herzspezialistin Stangl.

Die allgemeinen Risiken wie Bluthochdruck, Rauchen, Übergewicht mit all seinen Begleiterscheinungen und Stress gelten zwar gleichermaßen für Frauen und Männer, aber einige Faktoren sind für Frauen besonders bedeutsam. Vor allem am Beispiel des Diabetes mellitus wird dies klar: Frauen, die an der Zuckerkrankheit leiden, haben ein sechsmal so hohes Risiko, einen Herzinfarkt zu bekommen wie eine gesunde Frau. Bei Männern ist die Gefährdung gerade dreimal so hoch. Den Grund für diesen Unterschied haben die Forscher noch nicht herausgefunden. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran“, verrät Verena Stangl.

Ein spezielles Risiko birgt auch die Kombination Rauchen und Antibabypille. Abhängig vom Alter und weiteren Gefährdungsfaktoren kann hier das Infarktrisiko bis zum 20-fachen ansteigen. Während sich beim Mann im Allgemeinen der Stress am Arbeitsplatz ungünstig auf eine Erkrankung des Herz-Kreislauf-Systems auswirkt, ist es bei Frauen vorwiegend der durch familiäre Doppelbelastung oder durch Ärger mit dem Partner hervorgerufene Stress, der sich auf die Infarktgefahr auswiegt. Dieser psychische Faktor spielt bei Frauen eine größere Rolle als beim Mann.

Prävention als Lebensstil
90 Prozent aller Herzinfarkte weltweit wären durch einen gesunden Lebensstil, Abbau von Stress und Stoffwechselstörungen sowie optimaler Einstellung des Blutdrucks und des Blutzuckers zu vermeiden. Zu dieser Erkenntnis kommen verschiedene internationale Studien. Bei den Frauen wären es sogar 95 Prozent, deren Herzinfarkt sich durch Prävention verhindern ließe.

Was nun ist eine im Sinne des Herzens vernünftige Lebensweise? Dies bedeutet in erster Linie kein Rauchen, regelmäßige körperliche Aktivität (3-4-mal rund 20 Min./Woche), ausgewogene Ernährung und ein normales Körpergewicht. Beim letzten Punkt geht es weniger um genaue Gewichtsangaben, sondern vielmehr darum, wo die Fettpölsterchen sitzen. Die bei Frauen vielfach anzutreffende „Birnenform“ mit starkem Hüftumfang ist dabei weniger herzinfarktgefährdet als die so genannte „Apfelform“, bei der das Zuviel an Kilos in der Taille sitzt.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) können sich Männer einen Taillenumfang von maximal 102 cm leisten, Frauen allerdings nur einen von höchstens 88 cm, bevor sie ein erhöhtes Risiko für einen Herzinfarkt aufweisen. Zu einer herzgesunden Ernährung gehören viel Obst und Gemüse, Nüsse (besonders Walnüsse) und Vollkornprodukte, mageres Fleisch und mindestens einmal in der Woche fetter Fisch wie Hering, Makrele, Lachs oder Thunfisch, der die wichtigen Omega-3-Fettsäuren liefert. Auch ein moderater Alkoholkonsum schützt nach Ansicht der Experten besonders Frauen vor koronaren Herzerkrankungen. Das Glas Wein am Abend ist also durchaus als gesundheitsfördernd anzusehen.

Gefahr für das weibliche Herz
Die klassischen und vielfach bekannten Anzeichen eines Herzinfarkts (Schmerzen und Engegefühl in der Brust mit eventuellem Ausstrahlen in den linken Arm) werden von Frauen oft so nicht wahrgenommen. Bei ihnen treten häufig folgende Symptome auf:
– Schmerzen im Oberbauch
– Unerklärliche Müdigkeit
– Rücken- und Nackenschmerzen, auch Kiefer- und Halsschmerzen
– Übelkeit, z.T. mit Erbrechen
– Atemnot
Frauen kontaktieren bei diesen Symptomen häufig zuerst ihren Hausarzt und machen einen Termin aus. Richtig wäre es, gleich den Notarzt zu rufen.