ChristlicherDigest

Angststörungen – Zuviel Angst macht krank

von Anette Brecht-Fischer

Wer Angst vor großen Hunden hat, hat wahrscheinlich schon schlechte Erfahrungen gemacht. Deshalb ist es durchaus angebracht, auf der Hut zu sein, wenn wieder so ein Exemplar auf einen zukommt. Doch wer aus der Angst heraus, es könnte eventuell wieder ein Hund auftauchen, das Haus nicht mehr verlässt, der hat eine Angststörung entwickelt, die behandelt werden muss.

Das Gefühl der Angst kennt jeder. Es ist bei realen Gefahren völlig normal und kurbelt einen Schutzmechanismus in unserem Körper an, den wir von unseren steinzeitlichen Vorfahren her übernommen haben. Bei einer Bedrohung ist es wichtig, schnell flüchten zu können oder kampfbereit zu sein. Also erhöht sich die Muskelspannung, Herzfrequenz und Blutdruck steigen, die Atmung wird schneller.

Angst ist folglich als schnelle, unbewusste Alarmreaktion oder auch als Alarmsignal sinnvoll. Doch die Angst kann auch unangemessen groß werden und so in einer Panik gipfeln, die das Erleben und Verhalten einer Person vorrangig bestimmt.

In diesem Fall spricht man von einer Angststörung oder einer Angsterkrankung. Schätzungen zufolge leiden mehr als 10 Prozent der Bevölkerung unter Angsterkrankungen, d.h. es ist die häufigste psychische Krankheit, häufiger noch als Depressionen. Bei den Betroffenen treten die grundsätzlich normalen täglichen Ängste in weit übersteigerter Form auf, so dass sie Krankheitswert bekommen. Die Ängste sind in diesem Fall begleitet von körperlichen Symptomen wie Schwitzen, Herzrasen, Atemnot, Schwindel oder Zittern.

Viele Betroffene glauben, ohnmächtig zu werden oder gar sterben zu müssen. Rationale Erklärungen bringen in einer solchen Lage keine Hilfe. Durch Vermeidung der angstauslösenden Situation versuchen viele, einem erneuten Angstanfall aus dem Weg zu gehen. Dies führt zu Einschränkungen im täglichen Leben bis hin zum vollständigen Rückzug in die eigene Wohnung.

Verschiedene Formen der Angst
Angst ist nicht gleich Angst. Man unterscheidet unter den am häufigsten auftretenden Angststörungen fünf verschiedene Formen:

-Bei der Panikstörung treten plötzlich und unerwartet Panikattacken auf, für die es auf den ersten Blick keinen eindeutigen Auslöser gibt. Innerhalb weniger Sekunden steigern sich die körperlichen Symptome wie Herzklopfen, Brustschmerz, Erstickungsgefühle und Schwindel zu einem Höhepunkt. Oft meint der Betroffene, einen Herzanfall zu erleiden. Meist dauern derartige Panikanfälle nur einige Minuten, trotzdem ist der Patient zutiefst beunruhigt. Lässt er sich danach von einem Arzt untersuchen, findet sich keine körperliche Erkrankung, die diese Angstattacke erklären würde.

-Die generalisierte Angststörung beginnt meist langsam. Sie zeichnet sich durch übertriebene, unrealistische, andauernde Sorgen, Ängste und Befürchtungen in vielerlei Hinsicht aus. Deshalb nennt man sie auch die „Sorgenkrankheit“. Menschen mit einer derartigen Angststörung befürchten zum Beispiel den ganzen Tag, dass ihren Kindern, dem Ehepartner, der Nachbarin etwas zugestoßen sein könnte, obwohl dazu eigentlich kein Anlass besteht.

Ständiges Angespanntsein, körperliche Unruhe, Schlafstörungen oder auch Magenbeschwerden gehören zum Krankheitsbild. Oft kommen die Betroffenen bereits aus einer „ängstlichen“ Familie, das heißt, sie haben schon als Kinder von dem einen oder anderen Elternteil ein entsprechendes Verhaltensmuster abgeschaut.

-Bei der Agoraphobie (früher „Platzangst“) tritt die Angst in Situationen auf, die keine Flucht zulassen oder bei denen keine Hilfe verfügbar wäre. In diese Kategorie gehört die Angst vor Fahrstühlen, Tunnels, öffentlichen Verkehrsmitteln, Menschenansammlungen, Supermärkten, aber auch vor großen Plätzen. Bei dieser Angststörung ist die Vermeidungshaltung besonders ausgeprägt, wodurch erhebliche Einschränkungen in der Lebensführung entstehen können. Viele Betroffene verlassen schließlich überhaupt nicht mehr das Haus, um nur ja keiner angstauslösenden Situation zu begegnen.

-Die soziale Phobie (Phobie = Angst) äußert sich im erschwerten Umgang mit anderen Menschen. Wer unangemessen starke Ängste hat, vor anderen zu sprechen, zu essen oder ganz allgemein im Mittelpunkt zu stehen, leidet unter dieser Art von Angststörung. Oft sind erste Anzeichen in Form von extremer Schüchternheit und Zurückhaltung schon im Kindesalter zu beobachten.

-Schließlich gibt es noch die spezifischen Phobien, bei denen die Betroffenen starke Ängste und Angstreaktionen in bestimmten Situationen entwickeln. Dazu gehört die Höhenangst, Angst vor der Dunkelheit, Angst in tiefem Wasser zu schwimmen, Angst vor Blut, aber auch die Angst vor Schlangen, Spinnen, Mäusen usw. Auch diese Phobien entwickeln sich meist schleichend bereits in der Jugend und beeinträchtigen die Lebensqualität erst viel später.

Ausweg aus der Angstspirale
Angsterkrankungen sind meist ein Tabuthema. Nur in den seltensten Fällen kann ein Betroffener mit seiner Familie oder mit Freunden darüber reden. Immer mehr beherrscht die Vermeidungshaltung sein ganzes Denken und Handeln, wodurch die Angstgefühle nur noch stärker werden. Viele greifen in ihrer Verzweiflung zu Alkohol oder beruhigenden Medikamenten mit dem Risiko, abhängig zu werden. Oft treten auch Depressionen auf, die das Alltagsleben zusätzlich schwer belasten und in letzter Konsequenz zum Selbstmord führen können.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Angststörungen zu behandeln, angefangen von Entspannungsmethoden und Sport über Medikamente bis hin zur psychotherapeutischen Behandlung. Der erste Schritt wird immer sein, sich selbst seine Angsterkrankung einzugestehen, um dann gezielt Hilfe zu suchen. Nicht immer sind Medikamente oder eine Verhaltens- bzw. Psychotherapie nötig, denn oft gibt schon eine sachgerechte Aufklärung in einem Buch den ersten Anstoß zur Besserung. Auch scheinbar geringfügige Hinweise und Ermutigungen, sich den Angstsituationen zu stellen, können eine wichtige Hilfe sein.

In akuten Fällen kann der Arzt Medikamente verschreiben, die die Symptome der Angst deutlich lindern. Für eine längerfristige Therapie sind sie allerdings nicht zu empfehlen, da sie die Angststörung nur überdecken und dem Patienten nicht helfen, selbst seine Angst zu überwinden. Bei einer Psychotherapie ist gerade dies das Ziel der Behandlung, nämlich die Hintergründe der Angst aufzudecken, sie zu verstehen und sie so zu bewältigen. Verschiedene Therapieformen wie beispielsweise Verhaltens- oder Gesprächstherapie stehen zur Wahl. Neben der psychotherapeutischen Behandlung kann auch die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe dazu beitragen, die Ängste abzubauen.

Übungen gegen die Angst
In Angstsituationen können Atemübungen helfen. Atmen Sie kräftig (aber entspannt) ein und atmen Sie langsam ohne Pause aus, dabei am besten den Mund spitzen.

Versuchen Sie, ihr Gehirn vom Angstanfall abzulenken: Zählen Sie rückwärts von 100 bis 0 oder stehen Sie auf einem Bein, mal links, mal rechts, so dass das Gleichgewichthalten das Gehirn beschäftigt.
Bei der sogenannten Sorgenkrankheit können Sie das ewige Grübeln verhindern, indem sie sich fragen: „Habe ich hier und jetzt eigentlich konkrete Sorgen?“ Meist lässt sich das verneinen.