ChristlicherDigest

Zähneknirschen – Nicht so verbissen

von Anette Brecht-Fischer

„Beiß die Zähne zusammen!“ Diesen Rat hört man oft, wenn man Schmerzen, Wut oder große Anstrengungen ertragen muss. Meist bedarf es der Aufforderung gar nicht, denn der Körper reagiert in diesen Situationen unbewusst genau so, indem er nämlich die Kaumuskulatur anspannt. Bei ständiger Anspannung kann dies zum Zähneknirschen führen – mit gravierenden Folgen für Zähne und Kiefergelenk.

Eigentlich haben die Zähne im Ober- und Unterkiefer kaum Kontakt miteinander. Nur beim Essen, wenn abgebissen wird und die Nahrung zerkaut wird, treffen sie aufeinander. Auf den Tag hochgerechnet sind das durchschnittlich gerade einmal 30 Minuten. Den Rest der 24 Stunden über ist die Kaumuskulatur völlig entspannt, die Zähne berühren sich nicht. Doch für manche Menschen trifft das – zumindest in der Nacht, wenn sie schlafen – nicht zu: Sie pressen die Zähne mit großem Druck zusammen und bewegen die Zahnreihen hin und her. Oft genug kann sogar der Partner im Bett nebendran das Zähneknirschen hören. Die nächtliche Aktivität der Zähne bleibt nicht ohne Folgen, denn schon bald stellen sich Zahnschäden ein.

Die Zähne nutzen sich ab, es entstehen Schleifspuren an den Zähnen im Oberkiefer und im Zahnschmelz bilden sich Risse. Der gesamte Zahnhalteapparat, Kiefergelenke und Kaumuskulatur werden in Mitleidenschaft gezogen. Wenn man bedenkt, dass der Kiefermuskel von allen Muskeln den stärksten Druck ausüben kann, immerhin 400 kg beim Mann, kann man erahnen, welche Kräfte des Nachts bei den Betroffenen tätig sind. Die Auswirkungen zeigen sich in vielen Bereichen des Körpers: Neben Schmerzen in den Kiefergelenken kann es zu Tinnitus, Schwindel, Sehstörungen, ja sogar zu Übelkeit kommen.

Wie viele Menschen nachts oder auch tagsüber mit den Zähnen knirschen, lässt sich nicht sagen. Der Diplompsychologe Hans-Peter Kuhl aus Herne schätzt, dass jeder zweite Deutsche das Problem kennt und zumindest zeitweise zu „verbissen“ ist. Rund fünf Prozent der Bevölkerung haben starke Beschwerden und gehen deshalb zum Arzt. Meistens handelt es sich dabei um junge Frauen.

Oft ist es Stress
Nicht immer lässt sich der Grund für die nächtliche Zahnverbissenheit finden. Vielfach bleibt sie unklar. Experten diskutieren zurzeit darüber, ob es genetische Ursachen für das Zähneknirschen geben könnte. Bei Kindern allerdings ist das Zähneknirschen meist normal, denn nach dem Zahnwechsel müssen sich die Zähne erst aufeinander einstellen und einschleifen. Bei Erwachsenen scheint die häufigste Ursache in der Psyche zu liegen. Unbewältigte Probleme, Gewalterfahrungen und übermäßiger Stress im Alltag können die Auslöser sein. Im Schlaf werden die Probleme im wahrsten Sinne des Wortes immer wieder durchgekaut. So lange, bis es schließlich zu Schäden an den Zähnen kommt oder bis der nächtlich wachliegende Partner endlich auf einen Arztbesuch drängt. Doch es gibt auch andere Gründe, die zum Zähneknirschen führen können. D

azu gehören beispielsweise orthopädische Unregelmäßigkeiten wie eine Fehlhaltung der Halswirbelsäule, die eine starke Anspannung der gesamten Hals- und Kiefermuskulatur zur Folge hat, die auch nachts nicht nachlässt. Ebenso können Störungen im normalerweise fein aufeinander abgestimmten Zusammenspiel der Zahnreihen Schuld am Zähneknirschen sein, hervorgerufen etwa durch schlecht sitzenden Zahnersatz. Diese letztgenannte Möglichkeit lässt sich durch einen Zahnarztbesuch relativ rasch abklären und beheben.

Nicht so verbissen!Das Übel bei der Wurzel packen
Wenn die Ursache für das Zähneknirschen nicht so eindeutig ist, wird der Zahnarzt in der Regel eine Knirscherschiene anfertigen lassen, die der Patient nachts tragen muss, um den Druck von den Zähnen zu nehmen. Diese Schiene, auch Aufbissschiene genannt, besteht aus durchsichtigem Kunststoff, bildet einen Widerstand zwischen den Zahnreihen und bremst die Bewegungen des Kiefers. Wichtig ist, dass die Schiene die Gleitfunktion der Zwischengelenkscheibe im Kiefergelenk wiederherstellt, sonst nützt die Behandlung nichts. Einmal jährlich sollte die Schiene vom Zahnarzt kontrolliert und gegebenenfalls neu angeglichen werden.

Der Nachteil der unauffälligen Kunststoffschiene ist, dass sie nur das Symptom, aber nicht die Ursache des Zähneknirschens behandelt. „Damit wird lediglich den Folgen des Zähneknirschens vorgebeugt“, meint Dr. Stephan Doering, ehemaliger Professor für Psychosomatik in der Zahnheilkunde am Universitätsklinikum Münster. Das eigentliche Problem – häufig Stress oder unverarbeitete persönliche Konflikte -, wird nicht angegangen. Da nach seinen Schätzungen bereits jeder fünfte Bundesbürger zu den Zähneknirschern gehört, entstehen dem Gesundheitssystem hohe Folgekosten, wenn nicht die Ursache für die angespannte Kaumuskulatur behandelt wird. Dass es auch anders geht, zeigt sich in der Ambulanz der Uniklinik. In enger Zusammenarbeit zwischen Arzt, Zahnarzt, Psychologe und Physiotherapeut versucht man in Münster, die Beschwerden des Patienten zu verstehen und geeignete Behandlungsmöglichkeiten anzubieten.

Das kann beim Zähneknirschen zum Beispiel die Biofeedback-Methode sein. Sie hilft meistens dann, wenn das Problem noch nicht sehr alt ist. Dabei werden dem Patienten kleine Elektroden über dem Kaumuskel auf die Wange geklebt. Die jeweilige Muskelanspannung wird an einen Computer übertragen, wo sie am Monitor vom Betroffenen verfolgt werden kann. Eine andere Möglichkeit besteht darin, die Aktivität des Kaumuskels akustisch anzuzeigen. Anhand der Tonhöhe erkennt der Patienten seinen Kieferdruck. Bei beiden Methoden wird dem Patienten seine Muskelanspannung bewusst gemacht, so dass er sie willentlich unterbrechen kann.

Als Ziel soll der Betroffene nach entsprechender Trainingszeit auch ohne Elektroden am Kaumuskel die Anspannung wahrnehmen und gegensteuern. Eine weitere Therapiemöglichkeit stellt die Hypnose dar. Sie kann unterschwellig die Aufmerksamkeit des Patienten auf die angespannte Kaumuskulatur lenken.

Der seelische Stress, der in vielen Fällen das Knirschen auslöst, kann mit gezielten Entspannungsübungen behandelt werden. Sie helfen dabei, den Druck abzubauen und den Kiefer zu entlasten. Eine gute Methode ist auch, regelmäßig Sport zu treiben – nicht leistungsorientiert, sondern nur zur Erholung. Pilates- und Yoga-Übungen sind ebenfalls dazu geeignet, die innere Balance zu finden und übermäßigen Stress abzubauen. Wenn die angeführten Methoden nicht zum Erfolg führen, sollte über eine Psychotherapie nachgedacht werden.

Training gegen Zähneknirschen
Machen Sie sich im Tagesverlauf immer wieder bewusst, wie die Anspannung Ihrer Kaumuskulatur ist. Dabei ist es hilfreich, optische Erinnerungsreize zum Beispiel mit Aufklebern zu setzen. Immer wenn Sie einen derartigen Aufkleber sehen, kontrollieren Sie Ihren Kiefer. Danach machen Sie folgende Übung, um den Zahnabstand zu wahren: Holen Sie tief Luft und pusten Sie aus. In dieser Haltung ganz locker die Lippen schließen.