ChristlicherDigest

Die unterschätzte Darmflora

von Anette Brecht-Fischer

Die Darmflora, wie die Bakteriengemeinschaft im Darm genannt wird, gerät immer mehr in den Fokus der Wissenschaftler, denn sie hat große Bedeutung für die Gesundheit des Menschen. Ein Blick in unser Inneres gibt manch Überraschendes preis.

Sie wiegt rund 1,5 Kilogramm und hat mehr Zellen aufzuweisen als der komplette menschliche Körper. Die Rede ist von der Bakteriengemeinschaft im Darm. Während der Dünndarm keine oder nur sehr wenige Bakterien beherbergt, wimmelt es nur so von ihnen im Dickdarm. Viele verschiedene Arten sind vertreten, von denen man noch längst nicht alle kennt. Die Mikroorganismen machen es den Forschern nämlich nicht leicht, ihnen auf die Spur zu kommen. Sie sind typische Nischenbewohner und leben zum Teil unter extremen Bedingungen, die man sich kaum vorstellen kann. Deshalb lassen sich viele außerhalb des Körpers gar nicht am Leben halten. Die Winzlinge vermehren sich nicht, sterben ab und sind somit für die Wissenschaftler mit ihren üblichen Nachweismethoden unsichtbar. Inzwischen behilft man sich damit, nicht die Bakterien selbst, sondern ihren genetischen Code, die DNA, nachzuweisen.

Die Darmbakterien verfügen mit ihrer Enzymausstattung über einen großen „Werkzeugkoffer“, mit dem sie vielfältigen Einfluss auf den Wirtskörper nehmen können. So unterstützen sie nicht nur die Verdauung, sondern sie beeinflussen auch den Stoffwechsel und das Immunsystem. Sie sorgen beispielsweise dafür, dass der Körper bestimmte Vitamine aus dem Nahrungsbrei aufnehmen kann. Relativ neu ist der Zusammenhang zwischen Darmbakterien und unserem Gewicht, wie Stephan C. Bischoff vom Institut für Ernährungsmedizin an der Universität Hohenheim berichtet.

Einige der Keime holen nämlich noch das letzte bisschen Energie aus den Nahrungsresten, die im Dickdarm ankommen, heraus und geben es an den Wirtskörper weiter. Dies kann auf direktem Weg passieren, indem sie z.B. für die Aufnahme von Zuckermolekülen sorgen, oder auf indirektem Weg durch Aktivierung des Fettaufbaus in der Leber und der Fettspeicherung. „Der Dickdarm ist auf diese Weise für rund 10 Prozent der täglichen Energieaufnahme zuständig“, erklärt Bischoff.

Wenn auch die einzelnen Bakterienstämme, die die Darmflora ausmachen, bei allen Menschen im Wesentlichen gleich sind, so hängen ihre individuelle Präsenz und Größenordnung von verschiedenen Faktoren ab. Bereits bei der Geburt übernimmt der Säugling einen Großteil der Darmbakterien von seiner Mutter. Aber auch die Nahrung hat einen Einfluss auf die Zusammensetzung der Bakteriengemeinschaft. Dabei stehen das Verhältnis und die Art der verzehrten Kohlenhydrate, Proteine und Fette an erster Stelle.

Bei einer Ernährungsumstellung, wenn also beispielsweise mehr Gemüse und Obst gegessen wird – also mehr Ballaststoffe anfallen – oder wenn mehr Sauermilchprodukte den Speiseplan bereichern, verändert sich auch die Darmflora. Die eine oder andere Bakteriengruppe wird größer, andere werden kleiner. Damit verschiebt sich auch die Ausstattung des bakteriellen „Werkzeugkoffers“, d.h. die Auswirkungen auf den Körper können spürbar sein. Seit einigen Jahren weiß man, dass sich die Zusammensetzung der Darmflora bei Übergewichtigen häufig von der bei Normalgewichtigen unterscheidet. Auch die Vielfalt der Bakterien ist reduziert. Der Grund dafür ist bisher nicht bekannt, wie Stephan C. Bischoff betont: „Noch ist unklar, ob diese Veränderung Ursache oder Folge des Übergewichts ist.“

Die beschriebenen Erkenntnisse werfen die Frage auf, welche Bedeutung die Veränderung der Darmflora für übergewichtige Menschen hat. Ändern sich mit der Zusammensetzung der Bakterien auch gewisse Abläufe im Darm? Die Vermutung hat sich inzwischen bestätigt: Übergewichtige können mit Hilfe ihrer Bakterien eigentlich unverdauliche Kohlenhydrate wie z.B. Zellulose und andere Pflanzenfasern aufspalten und zu kleineren Molekülen umbauen. Diese werden vom Körper aufgenommen und liefern ihm zusätzlich Energie. Beim Menschen kann dieser Vorgang zu einem täglichen Energiegewinn von 150 kcal führen. „Dies reicht aus, um dick zu werden“, kommentiert der Ernährungsmediziner Bischoff. Sollte es also tatsächlich so etwas wie einen „guten Futterverwerter“ geben? Die Frage lässt sich nach dem heutigen Stand der Wissenschaft noch nicht eindeutig beantworten.

Nicht nur das Übergewicht selbst, auch die in der Folge häufig auftretenden Erkrankungen wie Typ-2-Diabetes, Fettstoffwechselstörungen und Arteriosklerose können mit der Darmflora zusammenhängen, wie neuere Untersuchungen zeigen. Gemeinsam ist diesen Erkrankungen, dass sie mit kleinen Entzündungsprozessen einhergehen, die ihre Ursache im Darm haben. In diesem Fall ist die Darmbarriere nicht intakt, die normalerweise dafür sorgt, dass Bakterien und Schadstoffe im Innern des Darms bleiben und nicht die Darmwand durchdringen und in den Körper gelangen.

Mögliche Störfaktoren der Darmbarriere können eine fettreiche Ernährung sowie fructosereiche Kost sein. Gerade Fructose, umgangssprachlich Fruchtzucker, findet immer mehr Eingang in die Nahrung, so z.B. als Süßungsmittel in Softdrinks. Da die Darmbakterien mit den Zellen in der Darmwand, mit den dort vorhandenen Zellen des Immunsystems und mit dem Nervensystem im Bauch eng zusammenarbeiten, ist es vorstellbar, dass sie auch hier eine Rolle spielen. Eine veränderte Zusammensetzung der Darmflora könnte den Folgeerkrankungen beim Übergewicht Tür und Tor öffnen. Bis man alle Zusammenhänge versteht, muss jedoch noch viel geforscht werden.

Stress und Darmbakterien
Wenn wir in Stress geraten, wird der Körper in Alarmbereitschaft versetzt. U.a. wird das Stresshormon Cortisol ausgeschüttet, wodurch sich der Blutzucker- und Fettsäurespiegel erhöht, während gleichzeitig allergische Reaktionen unterdrückt werden. Dies ist gut so, denn das macht uns besonders leistungsfähig bei Stress. Doch wehe, der Stress hält über längere Zeit an. Ist der Cortisolspiegel dauerhaft erhöht, wird das Immunsystem des Körpers unterdrückt und ernsthaft geschwächt. Wir werden anfällig für Krankheiten.

Jetzt müssen die Abwehrkräfte auf Vordermann gebracht werden und hier kommen die Darmbakterien ins Spiel. Probiotika wie z.B. entsprechende Joghurtdrinks, wirken im Zentrum der körpereigenen Abwehr – im Darm. Jedes Fläschchen enthält rund 10 Milliarden Milchsäurebakterien, die allen Widrigkeiten des Verdauungstrakts widerstehen und lebend im Dickdarm ankommen. Dort können sie die Ausbreitung unerwünschter Keime verringern und die Barrierefunktion der Darmwand verbessern. Darüber hinaus steigern sie die Aktivität wichtiger Abwehrzellen, die über die Blutbahn überall dorthin gelangen, wo sie benötigt werden.