ChristlicherDigest

Fasten: Alles auf Reserve


von Anette Brecht-Fischer

Der Frühling ist traditionell die Zeit der Diäten. Eine besondere Variante stellt das Heilfasten dar, eine Methode, die – wie Befürworter und Gegner betonen – nicht in erster Linie zum Abnehmen gedacht ist. Was macht aber dann den Sinn des Heilfastens aus? Ein Versuch der Abklärung.

Was versteht man überhaupt unter dem Begriff Heilfasten? Die bekannteste Form ist das Heilfasten nach Buchinger. Der Sanitätsoffizier Dr. Otto Buchinger entwickelte die ganzheitliche Methode des Fastens Anfang des 20. Jahrhunderts, nachdem er am eigenen Leib die positiven Auswirkungen erfahren hatte. Neben reichlich Mineralwasser und ungesüßten Kräutertees sind eingeschränkt Obst- und Gemüsesäfte, Gemüsebrühe und Honig erlaubt, um eine Mindestversorgung an Vitaminen und Mineralstoffen zu gewährleisten. Die Energiezufuhr beträgt ungefähr 150 bis 300 Kilokalorien pro Tag. Der Organismus stellt sich auf Ernährung „von innen“ um, er lebt von seinen Reserven. Heilfasten dient normalerweise nicht der Gewichtsreduktion, sondern der Vorbeugung und der Therapie chronischer Leiden wie ernährungsbedingter Stoffwechselerkrankungen und Krankheiten des Bewegungsapparates. Bei der Buchinger-Methode gehören Bewegung, Massage, Bäder, Atem- und Bewegungsschulung, Gesundheitsbildung und so genannte „Nahrung für die Seele“, nämlich Kunst, Musik, Literatur, Meditation u.a. dazu.

Der Mythos von den Schlacken
Neben den Befürwortern des Heilfastens, die zum Teil jedes Jahr erneut ein oder zwei Wochen auf feste Nahrung verzichten, gibt es auch vehemente Gegner, zu denen nicht wenige Mediziner und Ernährungswissenschaftler gehören. Besonders schwere Geschütze fährt die Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik e.V. auf: „Der Begriff Heilfasten suggeriert dem Verbraucher fälschlich, dass diese Außenseiterdiätkostform gesund sei.“ Hauptkritikpunkt der Gesellschaft ist die Tatsache, dass während des Heilfastens keine Proteine zugeführt werden. So kommt es „zum Abbau von Muskulatur“. Und weiter: „Auch das Herz ist ein Muskel, der beim Fasten an Substanz verliert und es schlimmsten Falls zu einer Herzschwäche kommen kann.“ Die Ärztin Francoise Wilhelmi de Toledo, die mit einem Enkel Otto Buchingers verheiratet ist und das medizinische Konzept der Buchinger-Kliniken am Bodensee und in Marbella verantwortet, bestätigt die Tatsache, dass geringe Eiweißmengen abgebaut würden. Allerdings seien die Muskelzellen in der Lage, Eiweiß abzugeben, ohne dadurch zugrunde zu gehen. Es handele sich um ein reversibles Phänomen. Ein fastenbegleitendes Bewegungsprogramm erhalte die Leistungsfähigkeit.
Ein weiterer Kritikpunkt der Gegner ist die so genannte Entschlackung des Körpers, die beim Heilfasten stattfinden soll. Angeblich werde der gesamte Organismus von innen gereinigt, überflüssige Stoffwechselprodukte würden ausgeschieden. Dazu stellt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V. klar, dass der Begriff der Entschlackung aus wissenschaftlicher Sicht nicht begründet ist. Nicht verwertbare Stoffwechselendprodukte scheidet der Organismus bei ausreichender Flüssigkeitszufuhr über Niere, Darm, Lunge und Haut aus, so die Experten. Francoise Wilhelmi de Toledo bewertet heutzutage das Wort „Entschlackung“ eher als eine Metapher, die Otto Buchinger gebraucht hat, um das subjektive „Gefühl des Wohlbefindens, der Leichtigkeit und der zunehmenden Klarheit“ zu beschreiben, die Fastende erleben würden.

Fasten ist nicht Hungern
Wer im Krieg oder in anderen Ausnahmesituationen Hunger kennengelernt hat, kann meist nicht begreifen, wie man freiwillig fasten kann. Doch der große Unterschied besteht in der Selbstbestimmung des Tuns. Beim freiwilligen Fasten und auch bei religiösen Fastenritualen kommt es nach Meinung des Neurobiologen Gerald Hüther zu besonderen psychischen Effekten. Seinen Untersuchungen zufolge wird die Wirkung des Glückshormons Serotonin beim selbstgewählten Fasten verstärkt, wohingegen die Menge der Stresshormone sinkt. Dies erklärt Wohlbefinden und innere Ausgeglichenheit, von denen Fastende immer wieder berichten. Die medizinischen Wirkungen wie Fettabbau und Insulinsenkung, Ruhigstellen des Magen-Darm-Traktes oder auch Entwässerung und Entsalzung des Körpers sind therapeutische Effekte, die sich nicht nur bei Übergewichtigen und Hochdruckpatienten, sondern ebenso bei Rheumatikern und Allergikern positiv bemerkbar machen. Darüber hinaus findet durch die Fastentage oft auch eine Rückbesinnung auf einfache, gute und ursprüngliche Lebensmittel statt. Francoise Wilhelmi de Toledo empfiehlt allen Interessierten: „Essen Sie weniger, essen sie gute, überwiegend pflanzliche Lebensmittel, bewahren Sie ihre kulturellen kulinarischen Traditionen, bewegen Sie sich mehr und fasten Sie. Und vor allem: laufen Sie nicht jedem Trend (der Nahrungsmittelindustrie) blind hinterher.“

Wer sollte nicht fasten?
Jeder der fasten möchte, sollte vorher seinen Arzt fragen. Normalerweise bestehen bei Gesunden keine Bedenken. Folgenden Personengruppen wird vom Fasten abgeraten: Schwangere und stillende Frauen, Kinder und Untergewichtige, Typ-1-Diabetiker, Krebskranke, Patienten mit Schilddrüsenüberfunktion sowie Menschen mit Durchblutungsstörungen des Gehirns.
Beim Fasten besteht grundsätzlich die Gefahr gesundheitlicher Nebenwirkungen. Deshalb wird Fastenneulingen empfohlen, erste Erfahrungen in einer speziellen Fastenklinik zu machen.