ChristlicherDigest

Gelenkserkrankung Arthrose


Keine einfache Sache

von Anette Brecht-Fischer

Jeder zehnte Deutsche leidet unter Gelenkschmerzen, oft an der Hüfte oder an den Knien. Die Arthrose ist zu einer Volkskrankheit geworden, die in unserem Gesundheitswesen und durch krankheitsbedingte Ausfälle in der Wirtschaft hohe Kosten verursacht. Vieles in Bezug auf die Ursachen wie auch auf optimale Behandlungsmethoden liegt noch im Unklaren.

Meist ist von einer Hüft- oder Kniearthrose die Rede, aber grundsätzlich kann jedes Gelenk von der zerstörerischen Krankheit betroffen sein. Damit die Knochen im Gelenk nicht aufeinander reiben, hat die Natur sich eine Pufferzone dazwischen einfallen lassen. Eine Knorpelschicht überzieht die Knochenenden und fängt Stöße sowie Belastungen jeglicher Art ab. Der Knorpel ist nicht mit Blutgefäßen ausgestattet, seine Versorgung erfolgt daher nur durch die Gelenkflüssigkeit und durch Gefäße des Knochens. Bei einer Arthrose ist die Knorpelschicht geschädigt, sie geht immer mehr zurück, so dass schließlich die Knochen ohne Puffersubstanz aufeinander liegen. Dies führt bei jeder Bewegung zu starken Schmerzen und schließlich zu Veränderungen der Knochensubstanz.

Die Arthrose wurde bisher fast immer mit natürlichen, altersbedingten Verschleißerscheinungen und durch eine Überbelastung der Gelenke – meist infolge von Übergewicht – erklärt. Dieser Auffassung widerspricht Henning Madry, der seit einigen Monaten den bundesweit einzigen Lehrstuhl für Experimentelle Orthopädie und Arthroseforschung an der Universität des Saarlandes innehat: „Die Arthrose ist kein Gelenkverschleiß, wie landläufig immer behauptet wird, sondern eine chronische Krankheit wie Asthma oder Diabetes.“ Man müsse sich von der Vorstellung verabschieden, dass sich der Knorpel altersbedingt einfach wie ein Autoreifen abreibe, erklärt der Professor. Madry sieht eine der möglichen Ursachen der Arthrose vielmehr in Unfällen und Sportverletzungen, auch Mikroverletzungen, die schon ein harmloser Sturz vom Fahrrad hervorrufen könne. „Häufig wird die Arthrose aber auch durch Prozesse verursacht, die noch weitgehend unverstanden sind, aber dazu führen, dass sich die Knorpelschicht von selbst ausdünnt und schließlich auflöst.“ Eine entsprechende genetische Veranlagung scheint ebenfalls eine Rolle zu spielen, denn es gibt von Mensch zu Mensch verschiedene Knorpelqualitäten und -festigkeiten, wie Experten herausfanden.

Viele Therapiemöglichkeiten

Genau so wenig wie es eine einfache Erklärung für die Ursache der Erkrankung gibt, genau so vielfältig sind auch die Behandlungsmethoden. Bei manchen Betroffenen sieht man die Arthrose nur im Röntgenbild, die Patienten haben aber keine Schmerzen. Andersherum klagen viele über starke Schmerzen, obwohl das Gelenk noch relativ gut aussieht. Oberstes Ziel der Therapie ist es, Schmerzfreiheit für den Patienten zu erreichen und gleichzeitig ein Voranschreiten der Gelenkzerstörung zu verhindern.

Neben der medikamentösen Behandlung der Schmerzen haben sich physikalische Maßnahmen wie Wärme und Krankengymnastik bewährt. Studien haben inzwischen auch gezeigt, dass Akupunktur zumindest bei Knie-Arthrose die Schmerzen lindert. Wenn das Gelenk schmerzfrei ist, sollten leichte gymnastische Übungen gemacht werden, um Kraft und Beweglichkeit zu erhalten. Außerdem wird nur so die Ernährung des Knorpels durch die umgebende Gelenkflüssigkeit sichergestellt.

An der Aufgabe, den Knorpel wieder aufzubauen und zu erneuern, arbeiten viele Wissenschaftler. Auch Henning Madry hat sich diesem Ziel verschrieben. „Es gibt eine ganze Palette von Knorpelersatzverfahren, die für jeden Patienten passend ausgewählt werden müssen“, betont er. Bei der Autotransplantation werden gut erhaltene Teile des Knorpels (z.B. aus dem Randbezirk des Gelenks) dorthin verpflanzt, wo dieser defekt ist. Bei einer anderen Methode (Analoge Chondrozyten-Implantation) werden Knorpelzellen aus dem betroffenen Gelenk entnommen, im Reagenzglas vermehrt und anschließend wieder zurückgegeben. Der Saarbrücker Forscher versucht, mit körpereigenen Genen das Wachstum der Knorpelzellen anzukurbeln, da „sich der Knorpel so wieder besser repariert und wie der originale, körpereigene Gelenkknorpel verhält“.

Auf dem Markt gibt es auch eine Vielzahl von Knorpelaufbaupräparaten, die als Nahrungsergänzungsmittel geschluckt werden. Sie enthalten von Gelatine über pflanzliche Wirkstoffe bis hin zu Haifischknorpel allerlei verschiedene Substanzen. Ein echter wissenschaftlicher Beweis für ihre knorpelaufbauende Wirkung fehlt meist, doch so mancher Patient verspürt dennoch eine Besserung. Am besten ist es, wenn Arzt und Patient miteinander besprechen, welche Behandlungsoption ausprobiert werden sollte.

Schlagen alle Therapieversuche zur Regeneration des Knorpels fehl, bleibt meist nur noch eine Operation übrig, bei der das zerstörte Gelenk durch ein künstliches ersetzt wird. Der Einbau von Hüft- und auch Knieprothesen ist inzwischen zu einer Routineoperation geworden, die die Lebensqualität der Betroffenen deutlich verbessert. Dennoch raten viele Mediziner den Patienten, sich nicht zu früh operieren zu lassen. Da die künstlichen Gelenke eine begrenzte Haltbarkeit besitzen (bei Hüftgelenken rechnet man bis zu 15 Jahren) muss vielfach in einem höheren Alter eine zweite OP zur Auswechslung des Gelenks stattfinden. Diese Wechseloperation ist oft mit Schwierigkeiten verbunden, da der Zustand der Knochen altersbedingt nicht mehr gut ist und sich das neue künstliche Gelenk deshalb unter Umständen nicht mehr fest verankern lässt.

Fotonachweis: © DAK