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Alkohol – die unterschätzte Gefahr


Weltweit ist einer von 25 Todesfällen auf Alkohol zurückzuführen. Er ist u.a. verantwortlich für eine Vielzahl von Krebserkrankungen wie zum Beispiel Mund- und Rachenkrebs, Darmkrebs und Brustkrebs. Darüber hinaus treten Depressionen und Schlaganfälle häufiger auf. Außerdem kommt es unter Alkoholeinfluss zu mehr Autounfällen, Gewaltakten und Vergiftungen.

von Anette Brecht-Fischer

Nun ist Alkoholmissbrauch kein neues Phänomen, aber industrielle Produktion und globalisiertes Marketing haben weltweit zu einem gesteigerten Konsum und damit zu einer nachweisbaren Zunahme der alkoholbedingten Gesundheitsschäden geführt. Studien zufolge trinkt in Europa jeder Erwachsene pro Woche etwa 2 Liter Wein oder 4,3 Liter Bier. „Das ist viel zu viel“, kommentiert der Internist und Leiter des Zentrums für Alkoholforschung, Lebererkrankungen und Ernährung an der Universität Heidelberg, Helmut Seitz, die Zahlen. Besondere Sorgen bereitet ihm die Tatsache, dass die Konsumenten immer jünger werden: „Das Einstiegsalter in Deutschland liegt bei 12 bis 13 Jahren. 6 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind bereits alkoholabhängig.“ Doch nicht nur die ganz jungen, auch viele alte, oft vereinsamte Menschen greifen immer mehr zum Alkohol. In so manchem Altenheim sei das bereits ein Problem, klagt Seitz. Nicht wenige Stürze der betagten Heimbewohner seien auf Alkohol zurückzuführen.

Folgen des Alkoholkonsums
Grundsätzlich schädigt Alkohol fast jedes Organ und alle Gewebe im menschlichen Körper. Alkoholisch bedingte Lebererkrankungen sind besonders weit verbreitet. Zunächst entsteht fast immer eine Fettleber, aus der sich eine Hepatitis entwickeln kann. Diese kann schließlich in eine Leberzirrhose übergehen, bei der das Lebergewebe zerstört wird. Die Leber schrumpft, ihre Oberfläche wird runzelig und knotig. In diesem Zustand kann sie ihre Aufgaben, nämlich Abbau und Ausscheidung von schädlichen Stoffwechselprodukten und Herstellung von lebenswichtigen Eiweißstoffen, nicht mehr erfüllen. Eine Leberzirrhose ist nicht heilbar, lediglich eine Lebertransplantation ist noch möglich. Bei der Krankheitsausprägung gibt es beträchtliche individuelle Unterschiede, die durch Geschlecht, Gene, Körpergewicht und Trinkgewohnheiten bestimmt werden. So seien Frauen generell empfindlicher, wie Helmut Seitz betont: „Sie entwickeln bereits bei niedrigen Alkoholdosen eine Leberzirrhose. Der Grund ist nicht bekannt.“ Sogar nach dem Stopp des Trinkens kann bei Frauen die Leberzirrhose weiter fortschreiten. Auch das Gewicht der Trinker spielt eine Rolle: Sowohl Unterernährte als auch Übergewichtige haben ein erhöhtes Risiko für alkoholbedingte Lebererkrankungen. Während regelmäßiges Trinken eher zu Leberschädigungen und Krebs führt, verursacht der gelegentliche Konsum großer Alkoholmengen häufig Herzprobleme. Dieses Phänomen kennen z.B. finnische Ärzte, deren Landsleute am Wochenende gern viel Alkohol trinken, als so genanntes „holiday heart“. Am Wochenanfang haben die Mediziner im Norden deshalb besonders viele Herzrhythmusstörungen zu behandeln.

Im menschlichen Körper wird Alkohol abgebaut, wobei u.a. Acetaldehyd entsteht. Dies ist ein giftiger Stoff, der als Krebsverursacher gilt. Unsere Gene sind dafür verantwortlich, wie viel davon im Stoffwechsel anfällt und wie schnell er zerstört wird. So kann das Risiko eines Trinkers beispielsweise für Mundhöhlenkrebs um das 4- bis 40fache ansteigen im Vergleich zu einem Abstinenzler. Kommen weitere krebsauslösende Faktoren hinzu, sieht es noch schlimmer aus, so der Alkoholforscher Seitz: „Rauchen und Trinken ist eine katastrophale Mischung.“ Bei Frauen steigt alkoholbedingt auch das Risiko für Brustkrebs. Die Gefahr hängt von der Alkoholdosis ab, wie viele Studien zeigen konnten. Mit jedem zusätzlichen Drink am Tag erhöht sie sich um 10 Prozent. Ausgelöst durch den Alkohol kommt es zu einem höheren Östrogenspiegel im Körper der Frau, was schließlich den Brustkrebs auslösen kann.

In den letzten 20 Jahren wurden immer wieder Studien veröffentlicht, die einen schützenden Einfluss geringer Mengen Alkohols auf Herzerkrankungen und Schlaganfälle aufzeigen. Diese Untersuchungen bewertet Helmut Seitz durchaus kritisch. Oft sei die Kontrollgruppe der Nichttrinker schlecht charakterisiert. Vielleicht trinke dieser Personenkreis deshalb keinen Alkohol, da er ohnehin nicht ganz gesund sei, mutmaßt Seitz. Wenn überhaupt, dann könnten nach der Studienlage ältere Menschen über 65 Jahren, die zusätzliche Risikofaktoren für eine koronare Herzerkrankung aufweisen, von einer täglichen kleinen Menge Alkohol profitieren. Wein scheint dabei besser abzuschneiden als Bier oder Schnaps, was auf seine antioxidativen Substanzen zurückgeführt wird. Wie eine Untersuchung der Kassenzettel in englischen Supermärkten ergab, kaufen Weintrinker aber auch deutlich mehr Obst und Gemüse als Biertrinker, ernähren sich also insgesamt gesünder. Für Helmut Seitz lässt sich aus den Berichten über schützende Effekte auf jeden Fall keine Empfehlung ableiten, täglich Alkohol zu trinken. „Dazu ist das Suchtpotential viel zu groß“.

Empfehlungen für risikoarmes Alkoholtrinken
Diese Angaben wurden von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen veröffentlicht und gelten für gesunde Personen.
– Männer sollten nicht mehr als 0,5 bis 0,6 l Bier oder 0,25 bis 0,3 l Wein pro Tag trinken.
– Für Frauen gilt die Menge von ¼ l Bier oder 1/8 l Wein.
– Auch bei dieser Dosis sollten mindestens 2 alkoholfreie Tage in der Woche eingehalten werden.
– Jugendliche unter 16 Jahren sollten Alkohol weitgehend meiden.
– Kein Alkohol am Arbeitsplatz, bei der Bedienung von Maschinen, im Straßenverkehr, bei gefährlichen Sportarten, in der Schwangerschaft, beim Stillen und wenn Medikamente eingenommen werden.
– Nur gelegentlicher Alkoholkonsum von Personen mit einem alkoholabhängigen Elternteil.
– Nur gelegentlicher Alkoholkonsum von Personen mit familiärem Risiko für Brustkrebs oder Dickdarmkrebs.
– Alkohol sollte nur zum Essen getrunken werden.

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